Das bunte Nest

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Die Sonne schien warm, und Rotkehlchen Rosi hatte einen Plan.

„Heute baue ich mein allererstes Nest“, sagte sie und hüpfte aufgeregt auf dem Ast auf und ab.

Sie flog los und sammelte: weiches Moos, trockene Zweige – und oh! – ein wunderschönes blaues Band, das im Gras lag. Das kam ins Nest. Eine leuchtende gelbe Feder, die der Wind gebracht hatte. Die auch.

Rosi baute und baute. Langsam wuchs das Nest, rund und weich.

Aber dann sah Rosi etwas Rotes.

Ein langer, roter Faden. Er wäre das perfekte letzte Stück gewesen – genau richtig, um alles zusammenzuhalten.

Nur: Er war tief in einem Rosenstrauch verwickelt.

Rosi zog. Nichts. Noch fester. Immer noch nichts.

„Vergiss es“, sagte Finn vom Nachbarast. „Nimm einfach Stroh wie ich. Das ist viel einfacher.“

Rosi schaute auf ihr halbfertiges Nest. Das blaue Band. Die gelbe Feder. Aber kein roter Faden.

Irgendwie fühlte sich das noch nicht richtig an.

„Ich versuche es noch einmal“, sagte sie. „Aber diesmal langsam.“

Sie flog zurück zum Rosenstrauch. Nicht ziehen. Wickeln.

Loop für Loop löste sie den Faden vom ersten Zweig. Dann vom zweiten. Dann vom dritten. Die Dornen kratzten. Einmal steckte Rosi fast fest.

Aber dann – da war er. Lang und rot und wunderbar.

Rosi webte den Faden vorsichtig um das Geflecht. Einmal herum. Zweimal. Dreimal. Der Faden zog alles fest zusammen.

„Oh!“, sagte Finn.

Das Nest saß jetzt fest auf dem Ast. Rosi setzte sich probeweise hinein. Es wackelte nicht. Das Moos war weich, das blaue Band glitzerte, die gelbe Feder schimmerte wie Sonnenlicht. Und der rote Faden hielt alles zusammen.

„Ich habe noch nie ein so schönes Nest gesehen“, sagte Finn leise.

„Der rote Faden war das Schwierigste“, sagte Rosi. „Aber er ist auch das Wichtigste.“

Als die Sonne unterging und der Wald sich blau färbte, kuschelte Rosi sich in ihr Nest.

Rundum weich. Rundum fest.

Draußen wurde es still. Drinnen blieb es warm.

Gute Nacht, buntes Nest.

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.

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