Das zerbrochene Ei

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„Vorsichtig!“, rief Oma – aber es war schon zu spät.

Das bemalte Ei rollte über den Tisch, fiel herunter und – kracks! – zerschellte auf dem Boden. Emma starrte auf die bunten Scherben. Dann kamen die Tränen.

Es war der Morgen vor Ostern gewesen. Emma und Oma hatten am Küchentisch gesessen, mit bunten Bechern, Pinseln und einem Körbchen weißer Eier. Es roch nach Farbe und nach dem Apfelkuchen im Ofen.

„Welche Farbe nimmst du zuerst?“, fragte Oma und lächelte Emma an.

„Gelb!“, rief Emma. „Wie die Sonne!“

Die beiden malten und pinselten und lachten. Oma malte kleine blaue Punkte auf ihr Ei. Emma malte rote und gelbe Streifen auf ihres. Es roch nach Farbe und nach dem Apfelkuchen, der gerade im Ofen backte.

Dann wollte Emma das nächste Ei nehmen. Sie langte herüber – und stieß dabei aus Versehen an das fertig bemalte Ei. Es rollte über den Tisch, fiel herunter und – kracks! – zerschellte auf dem Boden.

Emma starrte auf die bunten Scherben. Dann kamen die Tränen.

„Mein schönes Ei“, flüsterte sie. „Es ist kaputt.“

Oma kniete sich neben Emma hin und nahm sie in den Arm. „Ach, mein Schatz“, sagte sie sanft. „Das ist wirklich schade.“

Eine Weile saßen sie einfach so. Dann bekam Oma einen Funken in den Augen.

„Weißt du was?“, sagte sie. „Ich habe eine Idee. Warte mal kurz!“

Oma stand auf und holte aus der Schublade ein Stück Pappe, den Klebestift und ein paar Wattestäbchen. Sie sammelte die Scherben vorsichtig vom Boden auf und legte sie auf den Tisch.

„Was machst du damit?“, fragte Emma und wischte sich die Augen.

„Wir machen ein Mosaik“, sagte Oma. „Weißt du, manchmal steckt in kaputten Dingen eine Überraschung drin.“

Oma zeichnete mit dem Bleistift die Umrisse eines kleinen Kükens auf die Pappe. Dann begann sie, die bunten Scherben mit Kleber auf die Pappe zu legen – rote und gelbe Stücke für den Körper, ein weißes für den Bauch.

Emma schaute erst nur zu. Dann griff sie nach einem kleinen Stück und legte es dazu. Und noch eines. Bald arbeiteten beide zusammen, ganz still und konzentriert.

„Das Auge!“, sagte Emma plötzlich. Sie nahm einen schwarzen Filzstift und malte dem Küken ein kleines rundes Auge.

Oma lachte. „Jetzt schaut es uns an!“

Als der Kleber trocken war, hängte Oma das Mosaik-Küken ans Küchenfenster. Die Sonne schien hindurch und ließ die bunten Scherben leuchten wie kleine Edelsteine.

Emma stand davor und betrachtete es lange.

„Es ist schöner als das Ei“, sagte sie leise.

Oma nahm Emmas Hand. „Siehst du?“, sagte Oma leise und drückte Emmas Hand.

Emma nickte. Dann lächelte sie – erst ein kleines, dann ein ganz großes Lächeln.

Und der Apfelkuchen war auch fertig.

Für Eltern

Diese Geschichte begleitet Kinder beim Umgang mit kleinen Missgeschicken und dem Gefühl von Enttäuschung. Omas ruhige Reaktion zeigt, wie wichtig es ist, Gefühle anzuerkennen – und dann gemeinsam kreativ weiterzumachen. Als Mitmach-Idee: Bemalt nach dem Vorlesen gemeinsam Ostereier oder bastelt aus alten Zeitschriften ein buntes Mosaik-Bild.

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.

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