Neles neues Zimmer

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Das neue Haus roch falsch.

Nicht schlecht – nur falsch. Nach frischer Farbe und nach dem Leben von anderen Menschen. Neles altes Haus hatte nach Kartoffelsuppe gerochen und nach dem Waschmittel das Mama immer nahm.

Nele stand in ihrem neuen Zimmer und mochte es nicht.

Das Bett stand an der falschen Wand. Das Fenster war zu groß. Die Decke war zu hoch. Und der Baum draußen war nicht ihr Baum – ihr Baum war der mit der Rinde die sich lockte, den man gut hochklettern konnte. Der hier war glatt.

„Gefällt dir’s?“, fragte Mama von der Tür.

„Nein“, sagte Nele.

Mama kam rein und setzte sich zu ihr auf den Boden. Sie sagte nicht: „Das wird noch.“ Sie sagte: „Ich vermisse unser altes Kühlschrankgeräusch.“

Nele schaute sie an.

„Das hat immer so gebrummt“, sagte Mama. „Abends wenn es still war. Ich hab’s immer gehört.“

„Ich vermisse meinen Baum“, sagte Nele.

„Den mit der lockeren Rinde?“

„Ja.“

Sie saßen eine Weile so. Draußen wurde es dunkler.

Dann sah Nele etwas.

Am großen Fenster – dem zu großen Fenster – war ein Ast. Und auf dem Ast war ein kleines Geflecht aus Halmen und Moos. Und darin saß eine Meise und schaute herein.

Nele stand langsam auf.

Die Meise blieb sitzen.

Nele trat ganz nah ans Fenster. Die Meise war klein und rund, ihr Kopf schwarz-weiß. Sie zwinkerte – oder sah das nur so aus.

„Mama“, flüsterte Nele. „Da ist ein Nest.“

Mama kam leise neben sie. „Oh.“

„Die schläft da.“

„Sieht so aus.“

Nele legte eine Hand ans Glas. Die Meise schaute sie an, ruckte einmal mit dem Kopf – und blieb.

„Die findet das hier auch gerade neu“, sagte Nele leise. „Das Nest.“

Mama machte nichts und sagte nichts. Sie legte nur ihre Hand neben Neles.

Später, als das Licht aus war, lag Nele in ihrem Bett an der falschen Wand und schaute zum Fenster. Die Meise war noch da, ein kleiner Umriss auf dem Ast. Das Zimmer roch immer noch nach Farbe.

Aber das Fenster war gut, dachte Nele.

Sie vermisste ihren Baum noch. Das würde wohl noch eine Weile so bleiben.

Aber sie wollte morgen früh sehen ob die Meise noch da war.

Das war heute genug.

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.

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