„Mama, wir dürfen ihn doch mitnehmen, oder?“
Frida stand in der Tür, beide Arme voller Kuscheltiere. Hinter ihr war das Zimmer fast leer. Nur die Matratze lag noch da, und ein einsamer Karton mit der Aufschrift „Frida – wichtig“.
„Wen, Schatz?“
„Den Morgenstern.“
Mama kam rein, staubig von Kartons. Sie kniete sich zu Frida. „Welcher Morgenstern?“
Frida zeigte nach oben. In ihre alte Zimmertür war ein winziges Astloch. Jeden Morgen fiel ein kleiner runder Lichtpunkt durch – vom Flur, wenn Papa das Licht anmachte. Frida kannte ihn, seit sie denken konnte.
Mama schaute. Dann seufzte sie sanft. „Oh, Frida. Licht kann man nicht einpacken.“
„Aber er ist mein Freund.“
Mama wurde ganz still. Dann drückte sie Frida an sich. „Ich weiß.“
Später saß Frida im Auto. Die Kuscheltiere drückten auf ihrem Schoß. Aus dem Fenster wurde die alte Straße klein, klein, klein.
„Tschüss“, sagte Frida leise. Niemand hörte es außer dem Morgenstern.
Das neue Haus roch nach frischer Farbe. Die Wände waren weiß. Der Flur war länger. In ihrem neuen Zimmer lagen Papier und ein Schraubenschlüssel. Papa baute das Bett auf. Er schwitzte. Er brummte. Er sagte nicht viele Wörter.
„Fertig“, sagte er irgendwann. „Frida, Zähne.“
Frida kroch ins Bett. Das Bett war dasselbe, aber die Decke über ihrem Kopf war eine andere. Sie war glatt. Zu glatt. Kein Astloch.
Papa machte das Licht aus. Er flüsterte: „Schlaf gut, kleiner Umzugsprofi.“
Dann war es dunkel. Richtig dunkel. Frida lag lange wach. Draußen bellte ein unbekannter Hund.
Irgendwann schlief sie ein.
Als Frida die Augen aufmachte, war das Zimmer grau und blau. Früher Morgen. Sie wusste sofort: Heute kein Morgenstern.
Sie drehte sich zur Wand.
Und blinzelte.
Da. An der Decke. Nicht rund. Länglich. Ein kleiner, schmaler Lichtstreifen, der durch den neuen Rolladen fiel. Er wackelte, wenn Wind ging. Er war ganz weich.
Frida hielt die Luft an.
Das war nicht ihr Morgenstern. Das war jemand anderes. Frida wusste nicht, ob sie mit jemand anderem reden wollte.
Sie schaute lange. Der Streifen tanzte ein bisschen. Er war neugierig, fand Frida. Nicht traurig, nicht wütend. Einfach neugierig.
„Hallo“, flüsterte Frida. „Du bist neu, oder?“
Der Streifen tanzte weiter.
„Ich bin auch neu“, sagte Frida.
Dann lag sie einfach da. Sie suchte nicht mehr den alten Morgenstern. Sie schaute dem neuen zu, wie er über die Decke lief.
Als Mama später reinkam, fand sie Frida wach. „Na?“
„Ich hab jemanden kennengelernt“, sagte Frida feierlich.
Mama setzte sich auf die Bettkante. „Schon so früh?“
Frida zeigte nach oben. Der Streifen war ein bisschen blasser geworden. Aber er war da.
„Das ist der Morgen-hier“, sagte Frida.
Mama schaute lange hin. Dann legte sie sich neben Frida. „Der ist schön“, sagte sie. „Ich glaube, der wollte dich schon kennenlernen.“
Unten in der Küche pfiff der Wasserkocher. Papa rief was Nettes. Und Frida und Mama blieben noch ein bisschen liegen und schauten dem Morgen-hier beim Tanzen zu.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was war Fridas Morgenstern in ihrem alten Zimmer?
- Warum konnte Frida den Morgenstern nicht mitnehmen?
- Was hat Frida am ersten Morgen im neuen Zimmer an der Decke entdeckt?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du auch schon mal umziehen müssen oder jemanden vermisst?
- Was würdest du unbedingt mitnehmen, wenn du umziehen müsstest?
- Wie fühlt es sich für dich an, wenn etwas ganz Neues anfängt?
Was wäre, wenn …?
- Was könnte der Morgen-hier Frida alles zeigen in ihrem neuen Zuhause?
- Was meinst du, erinnert sich Frida manchmal noch an den alten Morgenstern?




