„Alles okay bei dir?“, fragte Ben, als er die Tür zur Laborschleuse aufschob.
Luna trat einen Schritt zurück. Hinter ihr klirrten leise die Scherben auf dem Metallboden.
„Ja“, sagte sie schnell. „Alles super.“
Bens Blick glitt an ihr vorbei. Er sah die Scherben noch nicht. Der Kristall-Behälter, Bens ganzes Schulprojekt, lag in fünf Stücken auf dem Boden – violett schimmernd, wie eingefrorenes Nordlicht.
Luna hatte ihn nur angeschaut. Nur kurz angefasst. Und dann war er gefallen.
„Ich komme gleich“, sagte sie, und Ben zog die Tür wieder zu.
Luna kniete sich auf den kalten Boden. Durch das runde Raumstationsfenster sah sie die Erde – riesig, blau, weit weg. Zu Hause würde sie jetzt einfach die Treppe hochlaufen und Mama alles erzählen. Aber hier oben war sie seit drei Wochen, und Ben war ihr einziger Freund an Bord.
Wenn sie es ihm sagte, würde er vielleicht nie wieder mit ihr reden.
Sie schob die Scherben unter den Schrank.
Den ganzen Morgen ging sie Ben aus dem Weg. Beim Frühstück in der Gemeinschaftsküche roch es nach warmem Toast und Kakao – normalerweise ihr liebster Moment des Tages. Heute schmeckte alles nach nichts.
Ben suchte seinen Kristall. Sie hörte es an seinen Schritten, wie er durch die Gänge ging. Immer wieder dieselbe Route.
„Hast du vielleicht meinen Behälter gesehen?“, fragte er sie mittags.
„Nein“, sagte Luna.
Das Wort saß ihr wie ein Stein im Bauch.
Am Abend saß sie allein im Beobachtungsraum. Die Sterne draußen brannten hell und still. Irgendwo weit unten flossen Flüsse. Irgendwo unten schliefen gerade Leute.
„Du lügst mich an“, sagte eine Stimme hinter ihr.
Luna fuhr herum. Ben stand in der Tür, die Arme um den Bauch geschlungen. Sein Gesicht war nicht wütend. Es war irgendwie schlimmer – es sah verletzt aus.
Luna öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
„Ich hab ihn kaputt gemacht“, sagte sie dann leise. „Ich hab ihn nur angeschaut und dann… ich hab ihn fallen lassen. Und ich hatte Angst, dass du wütend bist. Deshalb hab ich’s versteckt.“
Schweigen.
Ben setzte sich neben sie auf die Bank. Lange sagten beide nichts. Die Raumstation summte leise um sie herum.
„Ich war eh fast fertig damit“, sagte Ben schließlich. „Ich wollte den Behälter eigentlich nächste Woche wegwerfen.“
Luna schaute ihn an. „Echt?“
„Echt.“ Er zuckte die Schultern. Dann: „Aber dass du’s versteckt hast – das hat wehgetan.“
„Ich weiß“, sagte Luna. „Es tut mir leid. Wirklich.“
Ben nickte langsam. Dann streckte er die Hand aus – nicht für einen Handschlag, sondern einfach so, als Angebot. Luna legte ihre Hand drauf.
Draußen zog eine Sternschnuppe vorbei, ein weißes Leuchten das kurz aufblitzte und verschwand.
„Wünsch dir was“, sagte Ben.
„Hab ich schon“, sagte Luna.
Später, als sie in ihrem engen Schlafraum lag und die Decke über sich zog, hörte die Raumstation auf zu summen. Es war so still, dass sie fast glaubte, die Sterne atmen zu hören.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Warum hat Luna Ben nicht sofort gesagt, dass der Kristall kaputt ist?
- Woran hat Ben gemerkt, dass Luna ihn anlügt?
- Was meint Luna am Ende mit 'Hab ich schon', als Ben sagt 'Wünsch dir was'?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal etwas kaputt gemacht und dich nicht getraut, es zu sagen?
- Wie fühlst du dich, wenn jemand dir nicht die Wahrheit sagt?
- Was hilft dir, jemandem etwas Schwieriges zu erzählen?
Was wäre, wenn …?
- Was könnte Luna tun, damit Ben ihr wieder richtig vertrauen kann?
- Wie würde die Geschichte weitergehen, wenn Luna es Ben nie erzählt hätte?




