Greta konnte seit drei Wochen kaum schlafen. Heute war der Tag.
„Papa, schneller!“
„Ich fahre nicht schneller, Greta. Dreißig ist dreißig.“
Im Tierheim roch es nach Stroh und nach feuchten Pfoten. Greta kannte jeden Gang hier. Sie hatten den Welpen schon zweimal besucht. Er hieß Fips, er war klein und braun, und er sprang immer hoch, wenn Greta vor dem Gitter stand.
Frau Beck kam ihnen entgegen. Sie machte ein komisches Gesicht. „Oh, Greta. Tut mir leid. Fips wurde heute früh abgeholt.“
Greta blieb stehen. Die Welt blieb auch stehen.
„Aber“, sagte sie leise.
Papa legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Wir schauen uns um, ja?“
Greta wollte eigentlich gehen. Sofort. Aber Frau Beck bat sie in einen hinteren Raum. Dort stand eine große Box mit einer Decke. „Das ist Mogli. Er ist elf.“
„Elf?“, flüsterte Greta.
Unter der Decke bewegte sich etwas Großes und Graues. Ein Ohr klappte kurz hoch. Dann verschwand es wieder.
„Er ist schüchtern“, sagte Frau Beck. „Er versteht nicht, warum niemand ihn will.“
Greta schaute lange auf die Decke. Sie dachte an den kleinen Fips, der immer gesprungen war. Dann dachte sie daran, wie sich ein schüchterner Hund anfühlt. Nicht fröhlich. Nicht wuselig. Nur – klein, unter einer Decke.
Sie ging zwei Schritte näher. Sie setzte sich auf den Boden, nicht zu nah, und sagte nichts.
Lange nichts.
Irgendwann schob sich eine lange graue Schnauze unter dem Deckenrand hervor. Eine Nase, nass. Zwei Augen, braun wie nasse Kastanien.
Greta atmete einmal durch. Dann sagte sie: „Hi.“
Mogli zitterte ein bisschen. Aber seine Nase blieb draußen.
Im Auto nach Hause lag Mogli auf dem Rücksitz und machte sich ganz klein. Papa hatte eine Decke dabei. Greta legte sie über ihn. „Du darfst unsichtbar sein“, sagte sie.
In der Küche zuhause kroch Mogli sofort unter den Esstisch. Seine Beine waren viel zu lang für den Versteckplatz, aber er rollte sich trotzdem ein.
„Das ist normal“, sagte Mama. „Gib ihm Zeit.“
Greta legte sich auf den Küchenboden. Sie sah nur graues Fell und eine Pfote. „Ich kenne das“, flüsterte sie unter den Tisch. „Ich hab mich auch mal im Kindergarten unter dem Stuhl versteckt. Am ersten Tag.“
Die Pfote zuckte ein bisschen.
„Hier ist es warm. Und wir haben Wurst, nur so zur Info.“
Mogli kam diesen Abend nicht raus. Beim Zähneputzen nicht. Beim Gute-Nacht-Sagen nicht. Greta war traurig, aber sie versuchte, es nicht zu sein.
„Er kommt, wenn er so weit ist“, sagte Mama. „Versprochen.“
Nachts wachte Greta auf. Etwas war anders. Etwas Schweres lag am Fußende ihrer Decke. Etwas, das leise atmete.
Greta traute sich kaum zu bewegen. Sie drehte nur ganz langsam den Kopf.
Mogli lag da. Graue Schnauze auf den Pfoten. Die Augen zu, aber ein Ohr zu ihr gedreht.
„Hi“, flüsterte Greta.
Moglis Ohr drehte sich noch ein bisschen weiter zu ihr.
Dann lag Greta ganz still und hörte ihm beim Atmen zu. Ein, aus. Ein, aus. Bis sie selber wieder einschlief.
Am Morgen rief sie: „Mama! Papa! Kommt mal!“
Sie standen in der Tür. Mogli hob kurz den Kopf. Er wedelte, einmal. Nur ganz kurz mit der Schwanzspitze.
„Guten Morgen“, sagte Greta zu ihm. „Heute zeige ich dir unseren Garten.“
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Warum war Greta am Anfang so aufgeregt?
- Was macht Mogli, als er zum ersten Mal in Gretas Haus kommt?
- Woran merkt Greta, dass Mogli nachts zu ihr gekommen ist?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du dich auch schon mal irgendwo versteckt, weil dir etwas neu war?
- Wie würdest du dich fühlen, wenn etwas nicht klappt, worauf du dich sehr gefreut hast?
- Was hilft dir, wenn du nervös bist oder dich unsicher fühlst?
Was wäre, wenn …?
- Was könnte Greta mit Mogli im Garten machen?
- Was wäre passiert, wenn Fips noch da gewesen wäre?




