Rafi stand auf einem Stuhl und guckte in die Küche. „Mama. Mama! Ist sie schon fertig?“
„Noch der Zuckerguss, Weltraumfahrer.“ Mama lachte. „Geh nochmal raus, ja?“
Heute wurde Rafi sechs. Sechs Jahre alt, und er wollte nur eins: den größten, höchsten, allerbesten Raketen-Kuchen der ganzen Welt.
Drei Freunde saßen schon im Wohnzimmer. Malik hatte ein Geschenk dabei, Lina hatte zwei. Oma hatte gestern extra Zug gefahren. Jetzt saß sie auf dem Sofa und hielt ihre Kaffeetasse wie etwas Kostbares.
„Raaaaaakete!“, rief Lina.
Mama kam aus der Küche. Sie trug die Torte auf einem großen Holzbrett. Und wirklich – da war sie. Eine Rakete, so hoch wie ein Milchkarton. Silberner Zuckerguss. Rote Flammen am unteren Ende. Oben ein kleiner Stern.
Rafi hielt die Luft an.
Mama trug das Brett an den Tisch.
Sie stolperte.
Nur ein bisschen. Aber die Rakete wackelte. Die Rakete kippte. Die Rakete fiel.
PLOPP. Auf das Brett. In zwei Stücke. In drei. Der Stern rollte über den Tisch und blieb an der Saftflasche liegen.
Alle schwiegen.
Rafis Unterlippe fing an zu zittern. „Meine Rakete“, flüsterte er.
Mama wurde ganz rot. „Oh, Rafi, es tut mir so leid –“
Da stand Oma auf. Sie stellte die Kaffeetasse hin. Sie schaute lange auf das Brett. Dann sagte sie, ganz leise, als würde sie Nachrichten aus dem All übersetzen:
„Ein Satelliten-Absturz.“
„Was?“, sagte Malik.
„Eure Rakete ist im Asteroiden-Gürtel verschwunden.“ Oma zeigte auf den Tisch. „Da. Und da. Und da.“
Lina kicherte. „Das sind doch nur Stücke!“
„Genau“, sagte Oma. „Asteroiden. Wer hilft mir beim Bergen?“
Rafi schaute erst Oma an. Dann die Trümmer. Dann Mama, die immer noch ganz rot war.
Er wischte sich die Nase mit dem Ärmel. „Ich“, sagte er. „Ich helfe.“
Und dann ging es los. Oma dirigierte. Malik legte einen Brocken da hin, Lina einen dort. Rafi bekam den Stern. Er setzte ihn auf den größten Asteroiden. „Der ist der Kommandant.“
Mama brachte die Kerzen. Sechs Kerzen in sechs Asteroiden. Der Zuckerguss glitzerte an allen Ecken.
„Ready for launch?“, flüsterte Papa vom Türrahmen.
„Ready“, sagte Rafi.
Sie sangen, und Rafi machte die Augen fest zu. Er wünschte sich etwas, das er niemandem verraten würde. Dann pustete er. Einmal. Fünfmal. Die letzte Kerze flackerte – und ging aus.
„Aaaah!“, riefen alle.
Lina biss als Erste in ihren Asteroiden. „Der schmeckt besser als eine Rakete.“
„Gell?“, sagte Oma. Sie zwinkerte Rafi zu. Rafi zwinkerte zurück, aber sein Zwinkern war beidäugig, weil er das noch üben musste.
Später saß Rafi mit Mama auf der Couch. Draußen wurde es dunkel. Rafi hatte Zuckerguss an beiden Ohren und an der Nase.
„Weißt du was?“, sagte er.
„Hm?“
„Der Absturz war das Beste.“
Mama zog ihn ein bisschen näher. „Ich weiß“, sagte sie. „Das weiß ich sogar ganz genau.“
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was ist mit dem Kuchen passiert, als Mama stolperte?
- Was hat Oma gemacht, nachdem die Rakete kaputt war?
- Wie viele Kerzen hatte Rafi auf seinem Geburtstagskuchen?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hattest du auch schon mal einen Geburtstag? Was war da besonders für dich?
- Was machst du, wenn etwas kaputt geht, auf das du dich gefreut hast?
- Wer hat dir schon mal geholfen, als du traurig warst? Was hat die Person gemacht?
Was wäre, wenn …?
- Was hätte Rafi sich wohl beim Kerzenauspusten gewünscht?
- Stell dir vor, Oma wäre nicht da gewesen – was wäre dann passiert?




