Mila rannte durch das nasse Gras, beide Hände voller gelber Blüten. „Opa! Opa, ich hab schon hundert!“
„Hundert Löwenzahn – wow!“ Opa lachte und wischte sich die Erde von der Hose. „Das reicht für zwei Kränze.“
Morgen war Muttertag. Und Mila hatte einen Plan.
Sie setzten sich auf die Gartenbank. Opa zeigte ihr, wie man die Stiele aufritzt. „Und dann steckst du den nächsten durch.“ Seine Finger machten das ganz langsam. Milas Finger waren viel schneller, aber der Saft klebte wie Honig.
„Der geht ab!“, flüsterte Mila.
„Der gehört da hin.“ Opa zwinkerte. „Das ist die Löwenzahn-Tinte.“
Als die Sonne tief stand, war der Kranz fertig. Golden und weich und ein bisschen schief. Mila hielt ihn wie einen Schatz.
„Wo verstecken wir ihn?“, fragte Opa.
„Auf meinem Kissen!“
„Vielleicht nicht gerade dort.“ Opa lächelte. „Pflanzen mögen Licht. Und Wasser.“
Sie stellten den Kranz in eine Schüssel mit Wasser, auf die Fensterbank in Milas Zimmer. Mila deckte ihn mit einem Tuch zu. Geheim.
Am Muttertagsmorgen war Mila vor allen anderen wach. Sie schlich zu ihrer Fensterbank und zog das Tuch weg.
Und blieb stehen.
Der Kranz war – zu. Jede Blüte zusammengeklappt wie ein kleiner Regenschirm. Nicht mehr golden. Nur grün und stumpf.
Milas Augen wurden feucht. „Opa!“, flüsterte sie. „Opa, komm schnell!“
Opa kam im Bademantel. Er schaute auf den Kranz. Dann lächelte er.
„Die schlafen noch, Mila.“
„Aber Mama kommt gleich runter!“
„Dann wecken wir sie auf.“ Opa hob die Schüssel hoch. „Komm, ans andere Fenster.“
Dort fiel gerade ein schmaler Sonnenstreifen auf die Bank. Sie stellten den Kranz genau hinein. Mila setzte sich davor und wartete. Sie wartete so fest, dass sie ganz still wurde.
Eine Blüte öffnete ein Blütenblatt. Dann zwei. Dann alle.
„Oh!“, machte Mila.
Jetzt ging es schnell. Ein goldener Punkt nach dem anderen klappte auf. Es war, als ob der Kranz atmete.
Genau in diesem Moment kam Mama in die Küche – und blieb in der Tür stehen.
„Was leuchtet denn da so?“
Mila trug den Kranz mit beiden Händen. Ganz vorsichtig. „Er ist für dich. Er ist gerade erst wach geworden.“
Mama kniete sich hin. Sie roch an einer Blüte und schloss die Augen.
„Er blüht für mich auf“, sagte sie leise. „So wie du, jeden Morgen.“
Dann setzte sie den Kranz auf. Er saß ein bisschen schief. Genau richtig.
Opa trug den Kaffee rein. Mila hielt Mamas Hand fest. Draußen rief eine Amsel, und die Sonne lief quer über den Küchentisch.
„Weißt du, was das Beste ist?“, flüsterte Mila.
„Was denn?“
„Morgen früh wacht er wieder auf.“
Mama lachte. Es klang wie etwas, das man behalten möchte.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Mila mit Opa im Garten gemacht?
- Warum war der Kranz am Morgen zugeklappt?
- Was haben Mila und Opa gemacht, damit die Blüten aufgehen?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal etwas selbst gebastelt und verschenkt?
- Wie fühlst du dich, wenn du jemandem eine Überraschung machst?
- Was magst du draußen in der Natur am liebsten sammeln?
Was wäre, wenn …?
- Was würdest du aus Löwenzahn noch alles machen können?
- Wie könnte Mila den nächsten Tag mit Mama verbringen?




