Zum Inhalt springen
Zwei Kinder schrubben das Deck eines alten Piratenschiffs im Sonnenuntergang

GESCHICHTE

Der blinde Passagier vom Morgenstern

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 4-6 Jahre
0

Miko schrubbte das Deck, als er die Geräusche hörte.

Nicht die lauten Geräusche. Nicht das Rufen der Piraten oder das Klatschen der Segel. Ein leises Geräusch. Unter einer Planke.

Er bückte sich.

„Hallo?“, flüsterte er.

Zuerst kam keine Antwort. Dann ein winziges: „Bitte nicht sagen.“

Miko hob die lose Planke vorsichtig an. Darunter saß ein Mädchen. Etwa so alt wie er. Sie hatte einen Zopf und schmutzige Wangen und trug einen alten Mantel, der ihr viel zu groß war.

„Wer bist du?“, fragte Miko.

„Tilda. Ich wollte nur vor dem Sturm in der Stadt unterkommen. Dann hat das Schiff abgelegt.“

Miko schaute sich um. Keiner schaute her. Die Piraten schimpften am Mast, und der Kapitän stand am Steuer und brüllte Kommandos.

„Wir sind schon lange unterwegs“, sagte Miko.

Tildas Augen wurden groß. „Wie lange?“

„Seit heute früh.“

Tilda begann zu weinen, ganz leise, damit es keiner hörte.

Miko wusste nicht was tun. Die Regel auf dem Schiff war klar: Alles Fremde wird dem Kapitän gemeldet. Aber der Kapitän war laut. Und Tilda war klein.

Er setzte sich neben die Planke.

„Hast du Hunger?“, flüsterte er.

Tilda nickte.

Miko kroch zur Küche. Der Koch döste am Herd. Miko klaute einen Zwieback und einen Apfel, aß selber nichts und brachte alles zu Tilda.

Sie aß. Er schaute ihr zu.

„Ich glaube, du musst zum Kapitän gehen“, sagte er irgendwann.

Tilda schüttelte schnell den Kopf.

„Ich komm mit“, sagte Miko.

„Wirklich?“

„Ja.“

Sie kletterte aus dem Versteck. Miko nahm ihre Hand. Sie war klein und kalt.

Der Kapitän schaute überrascht, als die beiden Kinder vor ihn traten.

„Was ist das?“, donnerte er.

„Ein blinder Passagier“, sagte Miko mutig. „Ich habe sie gefunden. Sie wollte nicht mitfahren. Sie hat sich nur vor dem Sturm versteckt.“

Der Kapitän schaute Tilda an. Sein Bart zuckte. Miko hielt die Luft an. Würde der Kapitän sie ins Meer werfen? Das sagten die großen Piraten manchmal, als Witz. Vielleicht war’s kein Witz.

Dann, zu Mikos Überraschung, lächelte der Kapitän. Nur ganz kurz. Wie ein Blitz am Horizont.

„Miko“, sagte er. „Du hast zwei Arme. Das reicht nicht für’s ganze Deck. Ab sofort ist das Deck euch beiden zugeteilt.“

Tilda schaute Miko an. Ungläubig.

„Und in drei Tagen sind wir wieder im Hafen“, sagte der Kapitän. „Da bringen wir dich zu deiner Mama. Bis dahin arbeitest du mit.“

Tilda nickte. Miko atmete aus.

Am Abend saßen sie beide auf dem Bug, mit einem Eimer Wasser und zwei Schwämmen zwischen sich. Tilda schrubbte links. Miko schrubbte rechts. Die Sonne ging ins Meer. Das Holz glänzte.

„Miko?“, sagte Tilda leise.

„Hm?“

„Danke.“

Miko sagte nichts. Aber er schrubbte noch ein bisschen schneller, weil er sich innendrin ganz warm fühlte.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Was hat Miko unter der Planke entdeckt?
  • Warum war Tilda auf dem Schiff versteckt?
  • Was hat der Kapitän zu Tilda und Miko gesagt?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Hast du schon mal jemandem geholfen, der Angst hatte?
  • Wie würdest du dich fühlen, wenn du an einem fremden Ort aufwachst?
  • Wann hast du dich mal warm und gut innendrin gefühlt?
Was wäre, wenn …?
  • Was könnte passieren, wenn Tilda wieder zu Hause ankommt?
  • Stell dir vor, du wärst mit auf dem Schiff – was würdest du tun?

Hat dir die Geschichte gefallen?





Anmelden damit deine Bewertung gespeichert bleibt

Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.