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Mädchen singt ihrer kleinen Schwester auf dem Sofa ein Mond-Lied vor

GESCHICHTE

Juli und die große Schwester-Stimme

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 4-6 Jahre
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Juli stand an der Wohnzimmertür und schaute rein. Auf dem Sofa saß Tante Meike. Auf dem Teppich kniete Onkel Bert. Mama und Papa standen am Wickeltisch, alle beide, und schauten nach unten.

Da lag Noa. Die neue kleine Schwester. Ganz klein. Ganz rosa.

„Guck mal, wie sie gähnt“, flüsterte Tante Meike.

„Ach Gott, wie süß“, flüsterte Onkel Bert.

Niemand sagte „Hallo Juli“. Niemand fragte, ob sie etwas brauche.

Juli ging in die Küche. Auf dem Tisch lagen Geschenke. Viele Geschenke. Alle für Noa.

Sie nahm sich einen Apfel und ging in ihr Zimmer. Auf dem Bett saß ihr Kuscheltier Wuschel. Er war braun und hatte ein krummes Ohr und war der älteste Freund, den Juli hatte.

„Hm“, sagte Juli zu Wuschel.

Wuschel sagte nichts. Wuschel sagte nie was.

Juli legte sich aufs Bett und nahm Wuschel in den Arm. Sie fühlte sich so klein wie Wuschels krummes Ohr. So unwichtig.

Eigentlich wollte sie weinen. Sie ließ es aber.

Stattdessen fing sie an zu summen. Ein Lied, das Oma ihr früher immer vorgesungen hatte. Es ging um einen Mond und einen Bären und eine lange Reise. Juli kannte es auswendig. Sie sang es ganz leise. Nur für Wuschel.

Mitten im Lied hörte sie Mama rufen.

„Juli?“

Juli machte weiter. Noch leiser.

„Juli, kommst du bitte mal?“

Juli stand auf, nahm Wuschel mit und ging zögerlich ins Wohnzimmer. Tante Meike hielt Noa im Arm. Noa war rot im Gesicht und machte dieses hohe, jaulende Geräusch, das sie manchmal machte, wenn gar nichts half.

„Juli“, sagte Mama. „Kannst du nochmal singen? Wie eben, vorm Zimmer.“

„Das Mond-Lied?“

„Genau das.“

Juli fühlte sich komisch. Alle schauten sie an. Nicht das Baby – sie.

Sie räusperte sich. Dann fing sie an.

„Der Mond geht auf, der Bär geht los …“

Noas Jaulen wurde leiser. Eine Hand löste sich aus dem Schlafanzug und zappelte kurz in der Luft.

„… er läuft und läuft und träumt ganz groß …“

Noa schloss die Augen. Die zappelnde Hand wurde ruhig. Auf einmal war das Wohnzimmer ganz still.

Tante Meike schaute Juli an. Mit offenem Mund.

„Juli“, flüsterte Mama. „Mach weiter. Bitte.“

Juli setzte sich aufs Sofa neben Tante Meike und summte. Das Mond-Lied ging eigentlich nie richtig zu Ende.

Als Juli später ins Bett ging, setzte Mama sich zu ihr auf den Bettrand.

„Juli?“

„Hm.“

„Das Mond-Lied. Wo hast du das her?“

„Oma.“

„Gut, dass du’s weißt.“

Juli nickte.

„Singst du mir’s auch mal?“, fragte Mama.

Juli dachte nach. „Vielleicht morgen. Wenn du wach bist.“

Mama lachte leise. „Ist gut.“

Sie saß noch eine Weile da. Juli hielt Wuschel fester. Und Wuschel, mit seinem krummen Ohr, schien leise mitzulächeln.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Was macht Juli, als alle bei Noa sind?
  • Warum ruft Mama Juli ins Wohnzimmer?
  • Was passiert, als Juli singt?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Hast du auch schon mal das Gefühl gehabt, dass alle jemand anderen ansehen und nicht dich?
  • Gibt es bei dir auch ein Lied oder eine Geschichte, die dich tröstet?
  • Was machst du, wenn du dich klein und unwichtig fühlst?
Was wäre, wenn …?
  • Was glaubst du, träumt Noa, wenn Juli singt?
  • Welches Lied würde Wuschel singen, wenn er sprechen könnte?

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.