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Hugo steht zum ersten Mal allein am gelben Briefkasten und hält stolz seinen Brief hoch

GESCHICHTE

Hugos erster Brief

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 4-6 Jahre
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„Du schaffst das, Hugo“, sagte Mama. „Es sind nur fünfzehn Schritte.“

Hugo zählte mit den Augen: bis zur Hecke. Eins, zwei, drei. Hinter der Hecke um die Ecke, das war die schwierige Stelle, weil man da nicht mehr von zu Hause aus gesehen wurde. Vier, fünf, sechs. Dann das Stück bis zum gelben Briefkasten. Sieben, acht, neun, zehn, elf. Mama hatte recht. Vielleicht sogar weniger als fünfzehn.

In der Hand hielt Hugo den Brief. Ein blauer Umschlag. Adresse drauf. Briefmarke drauf. Wichtig, hatte Mama gesagt. *Wichtig* hieß: Tante in Berlin, Geburtstag, kein Vergessen.

„Soll ich mitkommen bis zur Hecke?“, fragte Mama.

„Nein.“

„Sicher?“

„Ja.“

Hugo straffte die Schultern. Er ging los.

Eins. Zwei. Drei. Bei der Hecke drehte er sich noch einmal um. Mama stand in der Tür. Sie hob die Hand. Hugo hob die Hand. Dann ging er um die Ecke.

Es war komisch um die Ecke. Es roch wie sonst – ein bisschen nach Auto, ein bisschen nach Flieder. Aber Hugo war hier zum ersten Mal ohne dass jemand neben ihm ging.

Vier. Fünf. Sechs. Eine Frau mit einem kleinen weißen Hund kam ihm entgegen. Der Hund schnüffelte am Boden. Hugo machte einen großen Bogen um beide. Der Hund war freundlich, das sah man, aber besser ein Bogen als kein Bogen.

Sieben. Acht.

Da war er. Der gelbe Briefkasten an der Mauer beim kleinen Laden. Er glänzte ein bisschen in der Sonne.

Hugo blieb stehen.

Der Briefkasten war hoch.

Höher als bei Mama gedacht.

Hugo stellte sich auf die Zehenspitzen. Er hielt den Brief nach oben. Er kam … fast hin. Aber nicht ganz. Der Schlitz war noch ein gutes Stück über seinem Kopf. Hugo sprang hoch. Der Brief flatterte gegen die kalte Metallklappe und fiel zu Boden.

„Mist“, sagte Hugo, ganz leise. Er hob den Brief auf. Er war jetzt ein bisschen schmutzig an einer Ecke. Hugo wischte ihn an der Hose ab.

Er probierte es noch einmal. Zehenspitzen. Strecken. Sprung. Brief flatterte. Fiel.

Hugo stand vor dem Briefkasten und überlegte. Er konnte zurückgehen und Mama holen. Aber dann war sein Weg umsonst gewesen. Er konnte den Brief auf die Mauer legen. Aber dann blieb er nicht da, der Wind nahm ihn mit.

Die Frau mit dem Hund kam zurück. Sie war jetzt auf dem Heimweg.

„Alles okay?“, fragte sie. Sie hatte freundliche Augen, fand Hugo. Wie Falten an den Seiten.

„Mein Brief“, sagte Hugo. „Der ist zu hoch.“

Die Frau lachte kurz. Nicht über ihn, das merkte Hugo. Sondern mit ihm.

„Soll ich dich hochheben?“, fragte sie. „Oder soll ich es einwerfen?“

Hugo überlegte. Hochheben fand er ein bisschen viel. Er kannte sie ja nicht. Aber Briefwerfen – das war nett.

„Einwerfen“, sagte Hugo. „Bitte.“

Er reichte ihr den Brief. Die Frau machte zwei Schritte. Sie hob den Brief mühelos hoch und schob ihn in den Schlitz. Es machte ein leises *Tschap*. Der Brief war drin.

„Tschap“, sagte Hugo halblaut.

„Tschap“, sagte die Frau. Sie lachte wieder. „Schönen Tag noch.“

„Danke“, sagte Hugo. „Danke schön.“

Die Frau ging. Der Hund auch.

Hugo blieb noch einen Moment vor dem Briefkasten stehen. Er war stolz. Aber er war auch ein bisschen unzufrieden. *Beim nächsten Mal*, dachte er, *wenn ich mich noch ein bisschen recke, schaff ich’s vielleicht selber.* Er stellte sich noch einmal auf die Zehenspitzen, mit nichts in der Hand, nur zum Üben. Er kam dem Schlitz schon näher. Etwas. Nicht ganz.

Er drehte sich um. Elf. Zehn. Neun. Acht. Hinter der Hecke war wieder das Haus.

Mama stand noch in der Tür.

„Hat es geklappt?“, rief sie.

„Mit Hilfe“, rief Hugo zurück. „Eine Frau hat ihn reingetan. Beim nächsten Mal kann ich’s vielleicht selbst.“

Mama nickte. Sie war nicht enttäuscht. Sie war stolz, das sah Hugo am Mund. Mama hatte sowieso den Mund vom Stolzsein.

Drinnen tranken sie Apfelschorle.

„Bis Berlin?“, fragte Hugo.

„Bis Berlin“, sagte Mama. „Drei Tage, dann liegt er bei Tante Inka im Briefkasten. Genau zum Geburtstag.“

„Tschap“, sagte Hugo zufrieden.

„Tschap“, sagte Mama.

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.