„Pst“, sagte Frieda und packte Tom am Arm. „Hörst du das?“
Tom lauschte. Aus dem alten Geräteschuppen kam ein leises Pieken. *Pip pip pip.* Sehr klein. Sehr nah.
„Mäuse?“, flüsterte Tom.
„Quatsch. Mäuse pipsen anders.“
Frieda war zwei Jahre älter und wusste sowas. Sie zog Tom durch die Schuppentür. Drinnen war es kühl und roch nach altem Holz. Über ihren Köpfen, in der Ecke unter dem Dachsparren, klebte etwas. Etwas Lehmiges. Etwas Rundes. Mit einer Öffnung obendrauf.
„Ein Nest“, flüsterte Frieda. „Schwalbennest.“
Im selben Moment kam etwas mit hoher Geschwindigkeit durch das offene Dachfenster gerauscht – ein Schatten, blau-schwarz, schnell wie ein Pfeil. Tom duckte sich. Der Schatten flog mit weiten Bögen einmal um den Schuppen und schoss dann wieder hinaus, so schnell wie er gekommen war.
Vom Nest kam jetzt ein lautes *piek piek piek piek piek*.
„Babys“, sagte Frieda. „Mehrere.“
„Wow.“ Tom konnte den Blick nicht abwenden. „Wow, wow, wow.“
Sie standen lange da, ohne sich zu bewegen, und schauten nach oben. Aber die Mama-Schwalbe kam nicht zurück, solange sie da waren.
Am nächsten Tag standen sie wieder im Schuppen. Diesmal hatten sie ein Lineal mitgebracht, weil Tom messen wollte, wie hoch das Nest hing.
„Drei Meter“, schätzte Tom mit dem Lineal in der Hand wie ein Detektiv.
Wieder kam ein Schatten durch das Dachfenster gerast. Wieder bremste er ab, sah die beiden, und schoss wieder hinaus. Es dauerte, bis er das nächste Mal kam. Diesmal blieb er noch kürzer.
„Komisch“, sagte Tom.
„Sie hat Angst vor uns“, sagte Frieda.
„Aber wir tun ihr nichts.“
„Das weiß sie nicht.“
Sie blieben trotzdem. Tom wollte die Babys sehen. Vielleicht streckten sie ja die Köpfe heraus.
Sie warteten. Im Nest pieperten die Babys. Aber die Mama kam nicht mehr.
Auf dem Rückweg zum Haus war Frieda still.
„Was ist?“, fragte Tom.
„Wenn sie nicht reinfliegt“, sagte Frieda, „bringt sie kein Futter.“
„Ach.“ Tom verstand erst nicht. Dann verstand er.
Am dritten Tag wollte Tom morgens als Erstes in den Schuppen.
„Nein“, sagte Frieda und stellte sich in den Weg.
„Wieso nicht?“
„Weil wir sie verhungern lassen, wenn wir jeden Tag rein gehen.“
„Aber ich will sie sehen!“
„Ich auch.“
Tom ließ den Kopf hängen. Frieda ließ ihn auch hängen. Sie standen am Schuppen und der eine guckte den anderen nicht an.
Tom dachte. Er dachte ziemlich lange. Manchmal half ihm das, manchmal nicht.
„Was, wenn wir gucken, ohne reinzugehen?“, sagte er schließlich.
„Wie denn? Das Nest ist drin.“
„Mit einem Spiegel.“
Frieda runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“
„Wir nehmen Mamas alten Schminkspiegel. Den, der am Stiel ist. Wir stellen ihn so vor das Schuppenfenster, dass wir das Nest sehen können, ohne reinzugehen.“
Frieda sagte zuerst nichts. Sie ging einmal um den Schuppen herum. Sie schaute ins Dachfenster. Sie schaute auf den Holzhocker, der draußen stand. Sie schaute zu Tom.
„Ja“, sagte sie. „Das könnte gehen.“
Sie schlichen ins Haus, schnappten sich Mamas Spiegel (den, der lange wegen verschwundener Wattepads gesucht worden war), und tippelten zurück. Frieda stellte sich auf den Hocker. Sie hielt den Spiegel zum Dachfenster hin und drehte ihn vorsichtig.
„Da“, flüsterte sie. „Tom. Komm her.“
Tom kletterte auch auf den Hocker. Sie standen Schulter an Schulter. Im kleinen Spiegel sahen sie das Nest. Aus der Öffnung schauten vier kleine, dünne Hälse mit gelben Schnäbeln. Vier offene gelbe Schnäbel, ganz weit auf, schreiend nach Futter.
„Wow“, sagte Tom – diesmal ganz, ganz leise.
Sie warteten. Eine ganze Minute. Zwei. Drei. Dann schoss der blau-schwarze Pfeil durch das Dachfenster. Diesmal sah er die beiden nicht – sie standen ja draußen, hinter der Wand. Mama Schwalbe flog direkt zum Nest. Sie steckte etwas in einen der gelben Schnäbel. Dann in einen anderen. Ein Bein zappelte, das sah wie eine Mücke aus, und verschwand.
Mama Schwalbe schoss wieder hinaus.
Frieda und Tom schauten sich an. Sie sagten beide nichts. Frieda nickte.
Eine Woche später konnten sie sehen, wie die Schwalben-Babys flügge wurden. Vom Hocker aus, durch den Spiegel. Erst stand einer auf dem Nestrand, dann zwei. Dann flatterte der erste hinaus durch das Dachfenster. Erst wackelig. Dann besser. Dann ganz gut.
„Schau“, flüsterte Frieda, „der ist es.“
„Welcher?“
„Der mit dem leicht verzogenen Schwanz. Den haben wir in der ersten Woche gesehen.“
„Stimmt.“
Mama Schwalbe flog wieder hinein. Sie bremste nicht mehr ab. Sie hatte sich an die zwei Köpfe vor dem Schuppen gewöhnt. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte sie nur jetzt anderes zu tun.
Tom legte den Spiegel auf den Hocker.
„Frieda“, sagte er.
„Mhm?“
„Danke.“
„Wofür?“
„Dass du mich nicht rein gelassen hast.“
Frieda lachte kurz. „War nicht leicht. Du warst echt nervig.“
„Ich weiß.“
Sie schauten noch einmal zum Dachfenster hoch. Dann gingen sie ins Haus, um Mama den Spiegel zurückzubringen.




