„Hier?“, fragte Papa.
„Nein, weiter.“
„Hier?“
„Weiter, weiter, weiter.“
Lia tippelte vor Papa her, mit der zusammengerollten Picknickdecke in den Armen. Die Decke war fast so groß wie sie. Im Stadtpark roch es nach Gras, das gerade gemäht worden war, und nach dem Brunnen, der heute zum ersten Mal wieder lief.
„Hier!“, rief Lia und blieb stehen. „Hier ist genau die richtige Stelle.“
Papa schaute sich um. Hinter Lia war ein Baum, der gerade blühte. Vor ihr war eine kleine Wiese. Über ihr war Himmel.
„Du hast recht“, sagte Papa.
Sie breiteten die Decke aus. Papa öffnete den Rucksack: zwei Käsebrote, ein Apfel, eine Flasche Saft, zwei Becher und – das wichtigste – eine Tüte mit Salzbrezeln. Lia legte ihren Kopf auf Papas Bein und schaute nach oben.
„Schau, Papa.“ Sie zeigte mit dem Finger. „Da.“
„Was siehst du?“
„Eine Banane.“
Papa kniff die Augen zusammen. „Wo?“
„Da! Mit der Krümmung.“
„Ah.“ Papa legte sich daneben. Er hielt sein Käsebrot hoch wie ein kleiner Schild. „Stimmt. Sieht aus wie eine Banane. Mit … einem Hut?“
„Das ist kein Hut. Das ist ein Vogel auf der Banane.“
„Ein Vogel auf einer Banane.“ Papa nickte ernst. „Ja. Verstehe.“
Lia kicherte. Sie schaute weiter. Wolken zogen langsam von links nach rechts, weiß und ein bisschen rosa an den Rändern.
„Da!“, rief sie wieder. „Eine Schildkröte.“
„Wo?“
„Bei der Banane.“
„Das war doch die Banane?“
„Die ist jetzt weg.“
„Ach so.“ Papa biss von seinem Käsebrot ab. „Schildkröte sehe ich. Mit kleinen Beinchen. Aber das eine Bein ist verdächtig lang.“
„Das ist ein Stock. Sie hat einen Spazierstock.“
„Eine Spazierschildkröte?“
„Ja.“
Sie schauten weiter. Lia knabberte an einer Salzbrezel. Papa kaute Käsebrot. Eine Wolke sah aus wie ein Hund, der ein anderes Hundeähnliches Tier verfolgte. Eine andere wie ein Schornstein. Und dann sah Lia eine, die war groß und rund und hatte eine Locke obendrauf und eine kleine Beule am Kinn –
„Papa“, sagte sie ganz langsam. „Da. Das ist Tante Sigrid.“
Papa schaute hoch. Er schaute lange. Dann fing er zu lachen an, mitten beim Käsebrot-Kauen, und er lachte so doll, dass das Käsebrot fast von seinem Knie fiel und er hustete und prustete und einmal eine Brotrinde rausspuckte.
„Du hast recht!“, japste er. „Das ist Tante Sigrid! Mit dem Hochsteck-Dutt!“
„Ich hol Mama!“, sagte Lia und sprang auf. „Mama muss das sehen!“
„Mama ist zu Hause, Schatz.“
„Dann anrufen!“
Aber als Lia das Handy aus dem Rucksack ziehen wollte, blies der Wind. Tante-Sigrid-Wolke wackelte. Der Hochsteck-Dutt verzog sich zu einem komischen Hörnchen. Das Kinn wurde länger. Plötzlich sah die Wolke aus wie – ein Krokodil. Mit Hut.
„Nein!“, rief Lia. „Bleib!“
Aber die Wolke blieb nicht. Wolken bleiben nicht.
Lia stand mit dem Handy in der Hand. Sie war ein kleines bisschen traurig.
„Tante Sigrid ist weg“, sagte sie.
Papa setzte sich auf. „Hm“, sagte er. „Aber weißt du was?“
„Was?“
„Wir können sie zeichnen. Vom Erinnern.“
Lia ließ das Handy sinken. „Mit dem Hochsteck-Dutt?“
„Mit dem Hochsteck-Dutt. Mit der Beule am Kinn. Mit allem.“
Sie packten zusammen. Auf dem Heimweg sammelte Lia einen Stock und einen Stein, weil das ja zu einer Spazierschildkröte gehörte. Zu Hause holte Papa Buntstifte. Lia zeichnete Tante Sigrid, mit Wolken-Hintergrund. Sie zeichnete daneben auch die Banane mit dem Vogel und das Krokodil mit dem Hut.
Mama klebte das Bild an den Kühlschrank.
„Wann wird Tante Sigrid das sehen?“, fragte Lia.
„Nächsten Sonntag“, sagte Mama. „Da kommt sie zum Kaffee.“
Lia grinste. Sie würde ihr nicht sagen, wo das Bild herkam.
Es war ein gutes Geheimnis. Das beste, das sie je gehabt hatte.




