„Klops!“, rief Bauer Bernd. „Komm raus, mein Freund!“
Der Esel im Stall machte: nichts. Genauer gesagt, machte er einen Schritt nach hinten und legte die Ohren flach.
„Klops?“, versuchte es Bauer Bernd noch einmal.
Klops legte die Ohren noch flacher.
Lina, die heute mit Opa zum Bauernhof gefahren war, lugte über die Stalltür. Klops war ein grauer Esel mit langen Ohren und einem weißen Fleck auf der Stirn, der aussah wie ein Stern. Er war sehr schön. Aber er wollte heute eindeutig nicht raus.
„Ist er stur?“, fragte Lina.
„Heute schon“, sagte Bauer Bernd und kratzte sich am Kopf. „Komisch. Sonst kommt er rausgeschossen wie eine Rakete, wenn er Apfelschalen riecht.“
„Hat er Apfelschalen gerochen?“
„Drei!“
Lina ging einen Schritt näher. Klops schaute sie an mit großen, dunklen Augen. *Er hat keine Angst vor mir*, dachte Lina. *Aber irgendwas mag er nicht.*
„Vielleicht draußen?“, fragte sie. „Vielleicht ist da was Neues?“
Bauer Bernd dachte nach. „Eigentlich nicht. Außer …“ Er schnippte mit den Fingern. „Die Pferdetränke. Die ist gestern gekommen. Glänzt wie alles. Steht direkt vor dem Stall.“
Lina wandte sich um. Da stand sie, die neue Tränke. Aus glattem Metall, voll Wasser, in der Sonne. Sie sah aus wie ein Spiegel.
Lina kniete sich davor. Sie sah ihr eigenes Gesicht. Ihre Haare. Ihre Stirn.
„Opa“, sagte sie. „Komm mal.“
Opa kam dazu. Lina zeigte auf die Tränke.
„Was siehst du, wenn du da reinguckst?“
„Mich“, sagte Opa. „Ein bisschen welliger.“
„Und Klops?“
„Klops sieht wahrscheinlich Klops. Mit dem Fleck. Vermutlich denkt er, da ist ein anderer Esel.“
„Mit einem fremden Stirnfleck.“
„Genau.“
Lina sah zur Stalltür. Klops linste vorsichtig heraus. Sobald er seine Augen Richtung Tränke drehte, fuhr sein Kopf wieder zurück.
„Er hat Angst vor sich selbst“, sagte Lina.
„Sieht so aus“, sagte Opa.
Lina überlegte. Tränke wegtragen war zu schwer. Tränke leeren wäre Verschwendung. Aber …
Sie holte aus dem Korb von Bauer Bernd einen großen, halb angebissenen Apfel. Sie legte ihn auf den Rand der Tränke, so dass er den glatten Teil mit dem Spiegelbild verdeckte. Vielleicht nicht ganz. Aber den Teil, wo der zweite Stirnfleck war.
„Klops?“, rief sie. „Hier ist Frühstück.“
Klops streckte den Kopf vor. Er linste. Er sah einen Apfel. Er sah … keinen zweiten Esel. Er sah einen Apfel auf dem Rand einer Tränke.
Er machte einen Schritt nach draußen.
Dann noch einen.
Dann ging er ganz rüber, schnaubte einmal kurz, und biss in den Apfel.
„Ha!“, machte Bauer Bernd und klatschte sich auf den Schenkel. „Das war’s also.“
„Sehr klug, Lina“, sagte Opa und nickte ihr zu.
Klops kaute. Er hatte das ganze Gesicht voll Apfelstückchen. Sein Stirnfleck-Stern war jetzt mit etwas Apfelsoße verziert. Lina musste lachen.
„Darf ich ihn streicheln?“, fragte sie.
„Wenn er es zulässt – ja.“
Lina streckte die Hand aus. Klops kaute weiter. Er zuckte nicht zurück. Lina legte die Hand seitlich an seinen Hals. Er war warm. Er war pelzig, aber kürzer als ein Hund. Er roch nach Heu und nach Apfel.
„Du“, flüsterte Lina an seinem Ohr. „Der andere Esel war nicht echt. Das warst du. Du bist sehr schön.“
Klops blinzelte einmal mit seinen großen Augen.
Vielleicht hatte er es verstanden. Vielleicht auch nicht. Aber als Bauer Bernd später eine Decke holte, um die Tränke ein bisschen abzudecken, ging Klops freiwillig vorbei – nur einen kleinen Bogen außenrum.
Auf dem Heimweg im Auto sagte Lina: „Opa, weißt du, was lustig ist?“
„Was denn?“
„Ich hab heute einem Esel beigebracht, dass er er selbst ist.“
Opa lachte so laut, dass das Auto ein bisschen wackelte.




