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Zwei Jungen sitzen nachts wach im Jugendherberge-Zimmer, einer hält einen kleinen Stoffhasen

GESCHICHTE

Josts erste Klassenfahrt

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 7-9 Jahre
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Jost drückte sein Kopfkissen fester an die Brust und starrte an die fremde Zimmerdecke. Draußen raschelten Bäume, drinnen schnarchte schon jemand leise – aber schlafen? Unmöglich.

Eigentlich war der Tag großartig gewesen. Die ganze Klasse 3b war mit dem Bus zur Jugendherberge am Waldsee gefahren, hatte Kanus ausprobiert, am Lagerfeuer Stockbrot gebacken und bis zum Umfallen Fangen gespielt. Jost hatte gelacht, bis ihm der Bauch wehtat.

Doch jetzt, im Dunkeln, in Zimmer 12 mit drei fremden Betten und einer komischen Wolldecke, die nach einem Waschpulver roch, das nicht nach zuhause roch, kam das Heimweh wie eine Welle. Er dachte an sein eigenes Bett, an Mamas Gute-Nacht-Lied, an den kleinen Spalt Licht unter seiner Zimmertür. Seine Augen wurden feucht.

„Bist du wach?“, flüsterte es vom Bett gegenüber.

Jost schluckte. „Ja.“

Mika, der in der Klasse immer die verrücktesten Sprüche machte und beim Kanufahren als Erster ins Wasser gesprungen war, setzte sich auf. „Ich auch. Ich krieg hier einfach kein Auge zu.“

„Ich will nach Hause“, flüsterte Jost, bevor er es verhindern konnte. Kaum hatte er es gesagt, wollte er die Worte zurückholen. Mika würde ihn bestimmt auslachen. Der Mutigste der Klasse hatte doch bestimmt kein Heimweh.

Aber Mika lachte nicht. Er griff unter sein Kissen und zog etwas Kleines, Ausgeblichenes hervor – einen Stoffhasen, dem ein Ohr nur noch an einem Faden hing. „Sag’s keinem“, murmelte er. „Der heißt Pommes. Ich nehm ihn überall mit hin, auch wenn das kindisch ist.“

Jost setzte sich auf. Das hatte er nicht erwartet. „Das ist doch nicht kindisch.“

„Ist mir trotzdem komisch im Bauch“, gab Mika zu. „Aber irgendwie ist es leichter, wenn man’s laut sagt, oder?“

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In diesem Moment ging leise die Tür auf. Frau Brenner, ihre Lehrerin, machte ihre Nachtrunde und blieb im Türrahmen stehen, als sie die zwei wachen Gesichter sah. „Na, ihr zwei Nachteulen?“

Jost spürte, wie ihm die Tränen doch noch über die Wangen liefen. „Ich will nach Hause“, sagte er, diesmal lauter. „Können Sie Mama anrufen, dass sie mich abholt?“

Frau Brenner setzte sich auf die Bettkante, ohne eine Miene zu verziehen, so als wäre das die normalste Frage der Welt. „Das kann ich machen, wenn du das wirklich willst. Aber darf ich dir vorher was verraten?“

Jost nickte.

„Fast jedes Kind, das ich auf Klassenfahrt mitnehme, hat in der ersten Nacht Heimweh. Sogar ich, als ich klein war. Und weißt du, was komisch ist? Am zweiten Tag will fast keiner mehr nach Hause.“

„Woher wissen Sie das?“, fragte Jost mit belegter Stimme.

„Weil das Heimweh am größten ist, wenn es dunkel und still ist. Und morgen früh, wenn die Sonne durchs Fenster kommt und ihr zum Frühstück Kakao trinkt, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“ Sie zog die Decke ein Stück höher über seine Schulter. „Willst du es bis morgen früh versuchen? Wenn du dann immer noch nach Hause willst, rufe ich Mama an. Versprochen.“

Jost überlegte. Er konnte jetzt aufgeben, zurück nach Hause, zu Mamas Lied und seinem eigenen Bett. Oder er konnte es aushalten, wenigstens bis zum Morgen. Er dachte an Mika mit seinem Hasen Pommes, an das Lagerfeuer, an die Kanus, die morgen wieder aufs Wasser sollten.

„Ich versuch’s“, flüsterte er.

Frau Brenner lächelte und zwinkerte Mika zu. „Und du, Nachtwache, passt du auf ihn auf?“

„Klar“, sagte Mika und hielt Pommes hoch. „Er darf sich auch was von Pommes ausleihen, wenn er will.“

Jost musste lachen, obwohl seine Wangen noch nass waren. Frau Brenner deckte beide noch einmal zu und flüsterte an der Tür: „Gute Nacht, ihr zwei. Morgen wird’s schön.“

Am nächsten Morgen roch das Zimmer nach Toast, und die Sonne malte helle Streifen auf den Boden. Jost fühlte sich anders – nicht mehr wie ein Kind, das nach Hause wollte, sondern wie einer aus Zimmer 12. Beim Frühstück erzählte er Mika, dass er zu Hause auch noch ein Kuscheltier hatte, einen Elefanten namens Bruno, den er einfach vergessen hatte einzupacken.

Am letzten Abend, als ein Erstklässler aus dem Nachbarzimmer weinend im Flur stand, weil er seine Mama vermisste, setzte sich Jost neben ihn. „Ich hatte das auch“, sagte er. „Am Anfang ist es komisch. Aber dann wird’s richtig schön. Versprochen.“

Der Junge schaute ihn an und hörte auf zu weinen. Und Jost merkte, dass er das wirklich so meinte.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Warum konnte Jost am Anfang nicht einschlafen?
  • Was hat Mika unter seinem Kissen versteckt?
  • Was hat Frau Brenner zu Jost gesagt, als er nach Hause wollte?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Hast du auch schon mal woanders übernachtet? Wie war das für dich?
  • Gibt es bei dir auch ein Kuscheltier oder etwas, das dir Mut macht?
  • Wann hattest du mal ein komisches Gefühl im Bauch und wie ist es weggegangen?
Was wäre, wenn …?
  • Was könnte Jost am nächsten Tag noch alles auf der Klassenfahrt erleben?
  • Stell dir vor, du planst eine Klassenfahrt. Wohin würdest du fahren?

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.