„Bis morgen, Mäuschen!“
Das Auto fuhr los. Mama winkte noch einmal durchs Fenster. Dann war es kleiner, dann weg.
Merle stand mit ihrem Rucksack auf den Stufen. Oma Ella legte ihr eine warme Hand auf den Rücken. „Komm rein, Kapitän. Wir haben Kakao.“
Bis zum Abend war alles perfekt. Der Kakao hatte genau die richtigen Marshmallows. Im Garten gab es ein Rotkehlchen, das sich nicht versteckte. Oma Ella hatte neue Karten gekauft, und sie spielten Memory, und Merle gewann dreimal hintereinander.
Dann wurde es dunkel.
Im Gästezimmer gab es ein kleines Bett mit einer Strickdecke. Es gab einen Schrank, der quietschte. Es gab kein Nachtlicht.
„Oma“, sagte Merle sehr, sehr leise. „Ich glaub, ich kann hier nicht schlafen.“
Oma Ella setzte sich auf die Bettkante. Das Bett knarzte. „Ohne dein Nachtlicht?“
„Ohne alles. Ohne Papa.“
Oma Ella nickte langsam. „Warte mal.“
Sie ging raus. Merle hörte sie in einer Schublade wühlen. Etwas fiel runter. Oma sagte ein Wort, das sie normalerweise nicht sagte. Dann kam sie zurück. In der Hand hatte sie eine Taschenlampe. Klein, rot, mit einer Delle auf der Seite.
„Das ist die Delle“, sagte Oma Ella, „die dein Papa gemacht hat.“
Merle setzte sich auf.
„Welcher Papa? Mein Papa?“
„Dein Papa. Als er so alt war wie du. Er hat sie mal fallen lassen, weil er erschrocken ist. Das war hier, in diesem Zimmer.“
„Papa war hier?“
„Dein Papa war hier ganz oft. Und er konnte genauso wenig schlafen wie du.“
Merle brauchte einen Moment, um das zu verstehen. In ihrem Kopf war Papa groß. Papa war der, der ihr das Nachtlicht anmachte. Papa kannte keine Angst.
„Echt?“
„Echt.“ Oma drückte die Taschenlampe einmal an. Ein warmer gelber Kreis leuchtete auf der Decke. „Er hat immer gesagt, das ist der Mond zum Mitnehmen.“
Merle nahm die Taschenlampe ganz vorsichtig in die Hand. Sie fühlte sich warm an. Und ein bisschen abgegriffen. Als hätten sehr viele kleine Finger sie schon gehalten.
„Hatte er oft Angst?“, flüsterte sie.
„Manchmal. Jeder hat manchmal Angst, Merle. Auch große Leute. Manchmal sogar Omas.“
„Du auch?“
„Oh ja. Ich zum Beispiel habe Angst vor Spinnen, die grösser sind als mein Daumen.“
Merle kicherte in die Decke.
Oma Ella deckte sie zu. „Du kannst den Mond behalten. Jede Nacht, solange du hier bist. Und wenn es richtig schlimm wird, drückst du ihn an und denkst an Papa, wie er in genau diesem Bett lag und genauso gedacht hat wie du.“
„Okay“, flüsterte Merle.
Oma machte das große Licht aus. An der Tür drehte sie sich nochmal um. „Merle?“
„Hm?“
„Ich freue mich, dass du hier bist.“
Merle lag lange wach, aber nicht mehr traurig. Sie drückte einmal die Taschenlampe an. Der Mond war da. Sie leuchtete damit auf den quietschenden Schrank. „Hallo“, flüsterte sie ihm zu. „Ich weiß jetzt, dass du quietscht.“
Am Morgen rief Papa an. Merle hielt den Hörer mit beiden Händen. „Papa. Papa, ich hab deine Taschenlampe. Und die Delle.“
Am anderen Ende wurde Papa ganz still. Dann lachte er ein bisschen. Es klang, als hätte er Tränen in den Augen, aber gute. „Die habe ich total vergessen. Pass gut auf sie auf, ja?“
„Versprochen.“
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Oma Ella Merle gebracht, damit sie besser schlafen kann?
- Warum hat die Taschenlampe eine Delle?
- Was hat Papa früher über die Taschenlampe gesagt?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du auch schon mal woanders übernachtet? Wie war das für dich?
- Was hilft dir, wenn du abends nicht einschlafen kannst?
- Gibt es bei dir zu Hause auch einen Gegenstand, der eine besondere Geschichte hat?
Was wäre, wenn …?
- Was meinst du, wovon träumt Merle in dieser Nacht?
- Stell dir vor, die Taschenlampe könnte sprechen. Was würde sie erzählen?




