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Piet rollt seinem kleinen Bruder Ole den silbernen Ball auf den Terrassenplatten zu, beide lächeln

GESCHICHTE

Piets neuer Ball

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 4-6 Jahre
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Der Ball war silbern, mit blauen Rauten, und er glänzte noch so, wie nur ganz neue Sachen glänzen.

Piet trug ihn wie einen Pokal. Einmal einmal um die Küche herum. Einmal durch den Flur. „Papa, darf ich raus?“

„Zieh die Schuhe an.“

Ole stand schon an der Tür. Er hatte beide Schuhe an den falschen Füßen. „Piet! Piet-Piet-Piet. Mit mir?“

Piet drückte den Ball fester an sich. „Das ist mein Ball.“

„Ich will auch!“

„Ist. Mein. Ball.“

Oles Unterlippe wurde sehr, sehr dick. „Paaaapaaa!“

Papa kam mit einer Tasse in der Hand aus dem Wohnzimmer. Piet machte sich schon bereit für den Satz, den er seit gestern vorbereitete: „Ich will aber nicht teilen.“ Er holte Luft.

Papa sagte: „Piet, das ist dein Ball. Du entscheidest.“

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Piet hielt die Luft an.

„Also – ich muss nicht teilen?“

„Musst du nicht. Ist dein Geschenk.“

Ole guckte Papa an. Dann Piet. Dann den Ball. Dann fing er an zu weinen, ganz still, mit großen dicken Tränen, die ihm den Mund nass machten.

Piet nahm den Ball mit raus. Er knallte ihn an die Garagenwand. Bumm. Bumm. Bumm. Er schoss Ecken. Er schoss hohe Bogen. Er schoss so lange, bis er selber keine Lust mehr hatte.

Der Ball rollte irgendwann einfach weg in die Hecke. Piet ging ihn holen.

Als er zurückkam, saß Ole auf der Verandastufe. Alleine. Er hatte die Arme um die Knie gelegt und guckte einen Marienkäfer an. Der Marienkäfer krabbelte auf seinen Daumen.

Piet blieb stehen.

Das war komisch.

Wenn Ole da war, war sonst immer mehr los. Dann war da jemand, der lachte oder streitete oder rannte. Jetzt war es einfach still.

Piet schaute auf seinen silbernen Ball. Der Ball war schön. Aber der Ball machte keine Geräusche, wenn man ihn nicht anfasste.

„Ole“, sagte Piet.

Ole schaute nicht hoch.

„Ole, willst du…“ Piet rümpfte die Nase, weil er das, was er jetzt sagen wollte, schwer zu sagen fand. „Willst du mitspielen? Aber nur Bodenpässe. Und du schießt nicht hoch, okay?“

Oles Kopf kam sehr langsam hoch. „Boden-Paps?“

„Bodenpässe. So.“ Piet rollte den Ball über die Terrassenplatten zu Ole. Der Ball rollte genau an Oles Schuhspitze. Ole machte große Augen.

„Jetzt du. Zurück.“

Ole schubste den Ball mit beiden Händen und einem Fuß und einem Knie. Der Ball kam krumm zurück. Aber er kam.

„Nochmal“, sagte Piet.

Sie spielten. Eine Stunde, vielleicht mehr. Piet zeigte Ole, wie man „stopp“ macht mit dem Schuh. Ole zeigte Piet, wie man „Marienkäfer-Pause“ macht. Irgendwann rollte der Ball unter den Gartentisch, und keiner holte ihn.

Später, beim Abendessen, stupste Papa Piet unter dem Tisch an. „Warum hast du nachher doch mit Ole gespielt? Du hättest nicht müssen.“

Piet kaute eine Weile. „Weil alleine ist einfacher“, sagte er, „aber zu zweit hallt es besser.“

Papa schaute ihn lange an. Dann nickte er, als hätte er gerade etwas sehr Gutes gehört.

Ole kaute mit vollen Backen. Er sagte laut: „Bodenpaps, Papa! Wir hatten viele Bodenpaps.“

Der Ball lag immer noch unter dem Gartentisch. Er glänzte immer noch. Aber heute gehörte er zwei.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Was hat Piet am Anfang zu Ole gesagt, als der mitspielen wollte?
  • Warum war es plötzlich still, als Piet zurückkam und Ole auf der Stufe saß?
  • Was hat Piet Ole beim Spielen gezeigt?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Hast du auch etwas, das dir ganz alleine gehört und das du gerne für dich behältst?
  • Wie fühlt es sich für dich an, wenn jemand nicht mit dir spielen will?
  • Wann hast du schon mal etwas geteilt, obwohl es dir schwergefallen ist?
Was wäre, wenn …?
  • Was hätte Ole wohl den ganzen Tag gemacht, wenn Piet ihn nicht gefragt hätte?
  • Was spielen die beiden wohl am nächsten Tag zusammen?

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.