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Mädchen Ronja malt Wolken am Flugzeugfenster

GESCHICHTE

Ronja zwischen den Wolken

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 4-6 Jahre
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Der Flughafen brüllte.

Das war Ronjas erster Gedanke, als die Schiebetür aufglitt und die Luft sie traf – warm, fremdartig, voller Geräusche. Lautsprecher dröhnten von oben. Koffer rollten über den Boden, ratsch-ratsch-ratsch. Überall leuchteten Tafeln auf, blinkten, sprangen um. Ronja klammerte sich an Mamas Hand, so fest sie konnte.

„Alles gut?“, fragte Mama und drückte zurück.

Ronja nickte, aber ihr Bauch sagte etwas anderes.

Mama zog einen kleinen Block aus der Tasche, bunt kariert, mit einem roten Gummiband. Dann ein Mäppchen voller Buntstifte. Sie hockte sich kurz hin, sodass ihr Gesicht genau auf Ronjas Höhe war. „Wenn dir mulmig wird“, flüsterte sie, „malst du was. Einfach was. Was du willst.“

Ronja steckte den Block unter den Arm. Er fühlte sich gut an, fest und eckig.

Bei der Sicherheitskontrolle musste Pip aufs Band. Pip – Ronjas Stoffmaus, grau und weich, mit einem winzigen gestickten Lächeln. Ronja legte sie vorsichtig in die graue Schale. Das Band zog Pip langsam weg, zwischen die schwarzen Vorhänge, hinein ins Dunkel.

„Pip!“, rief Ronja.

Ein Mann hinter ihr lachte kurz, nicht böse, aber Ronja spürte das Kribbeln bis in die Fingerspitzen. Dann ratterte die Schale auf der anderen Seite heraus. Pip lag drin, unversehrt, das Lächeln noch genauso. Ronja griff sie und drückte sie so fest, dass die Maus ein kleines Quietschen hätte machen können – wenn sie quietschen könnte.

Ronjas Herz pochte noch lange weiter.

Im Flieger roch es nach Plastik und einem schwachen, süßlichen Parfüm. Ronja saß am Fenster. Mama hatte extra den Fensterplatz genommen, „damit du die Wolken siehst“, hatte sie gesagt. Jetzt saß Ronja angeschnallt und starrte auf das graue Rollfeld. Andere Flugzeuge standen da, riesig und still. Ihr eigenes Flugzeug fühlte sich gar nicht riesig an – von innen war es eng und schmal.

„Anschnallen“, sagte die Durchsage, erst auf Deutsch, dann in einer anderen Sprache, die weich klang, wie Wasser.

Das Flugzeug begann zu rollen. Sachte zuerst. Dann schneller. Ronja presste den Rücken gegen den Sitz. Das Rollen wurde zum Brummen, das Brummen zum Dröhnen, und dann – dann brüllte das Flugzeug.

Ronja kniff die Augen zu.

Der Druck kam von unten, schob sie in den Sitz, drückte auf ihre Ohren, ihre Brust. Alles zitterte. Die Fenster vibrierten. Ronja spürte, wie ihre Kehle eng wurde, wie etwas hinter ihren Augen drückte.

Und dann kullerten die Tränen einfach raus. Lautlos. Sie wollte nicht weinen, aber ihr Gesicht tat es trotzdem.

Mama sagte nichts. Sie drückte nur Ronjas Hand, einmal fest, dann noch einmal.

Ronja griff nach dem Block.

Sie öffnete ihn auf der ersten Seite – weißes Papier, blank, nichts drauf. Ihre Finger fummelten nach dem schwarzen Stift. Sie malte. Nicht irgendwas, nicht schön. Einfach einen Fleck. Groß und dunkel, in die Mitte der Seite, mit dem schwarzen Stift immer wieder drüber, bis das Papier fast aufgeraut war. Ein hässlicher, wütender, dicker schwarzer Fleck.

Ronja schaute ihn an.

Er war so hässlich. Das ganze Bild war jetzt ruiniert.

Ihre Hand griff schon nach unten, um die Seite abzureißen. Sie konnte das Band um den Block fühlen – ein kleiner Ruck, und das Blatt wäre weg.

Aber dann hörte sie auf.

Sie saß ganz still und schaute den Fleck an.

Mama hatte gesagt: Was du willst.

Ronja nahm wieder den schwarzen Stift. Sie malte einen Kreis um den Fleck. Nicht ordentlich – schief, wabbelig, ein bisschen zu groß. Dann noch einen Kreis. Und noch einen, weiter außen, lockerer. Ihre Hand kratzte leise über das Papier.

Plötzlich sah der Fleck nicht mehr so hässlich aus.

Er sah aus wie eine Wolke. Eine dunkle, schwere, große Wolke, mit runden Rändern.

Ronja griff den blauen Stift. Sie malte Himmel – rechts, links, oben. Den weißen Stift für die helle Kante oben an der Wolke, da wo sie leuchtete. Dann noch mehr Wolken, kleine, links davon, luftig und rund.

Sie hörte Mama leise einatmen.

Ronja schaute aus dem Fenster.

Wolken. Echte Wolken, genau da, kurz hinter der Scheibe. Groß und weich und ein bisschen dunkel in der Mitte, mit hellen Rändern, wo die Sonne sie von hinten berührte. Genau so, wie sie sie gemalt hatte.

„Schau mal“, flüsterte Mama, „deine Wolken sind echt.“

Ronjas Brust tat auf einmal nicht mehr so eng.

Sie malte weiter. Seite zwei: eine Wolkenstraße, gerade mitten durch den blauen Himmel, mit kleinen runden Steinen aus weißem Dunst. Seite drei: eine Wolkenburg, mit Türmen und einem Tor und einem winzigen Wolkenprinzen vorne auf dem Wall.

Ihre Hand bewegte sich von ganz alleine. Die Stifte rochen nach Holz und Farbe, das Papier rauschte leise, wenn sie umblätterte.

„Was zeichnest du da?“

Ronja schaute hoch. Eine Frau stand im Gang, lächelte. Sie hatte ein blaues Halstuch um den Hals und hielt ein Tablett mit Saftbechern.

„Wolkenburgen“, sagte Ronja. „Mit einem dunklen Fleck am Anfang. Aber jetzt ist es eine Burg.“

Die Frau beugte sich ein bisschen runter und betrachtete den Block. Ihr Gesicht strahlte, richtig. „Ich bin Marie“, sagte sie. „Und das ist das Schönste, was ich heute gesehen habe.“

Ronja hielt den Arm hin, damit Marie ihr den Becher geben konnte – kühl und orange, beschlug sofort ein bisschen von der Luft. Dann riss Ronja die Wolkenburgseite vorsichtig raus, die mit dem Prinzen vorne drauf. „Die ist für dich“, sagte sie.

Marie strahlte noch mehr.

Sie faltete das Blatt ganz sorgfältig und steckte es in ihre Jackentasche, ganz nah ans Herz.

Beim Landen drückten die Ohren wieder. Ronja gähnte, und der Druck ließ nach, ein kleines Plopp-Gefühl. Das Flugzeug rumpelte, bremste, rollte. Langsamer. Noch langsamer. Still.

Ronja lehnte gegen Mamas Schulter. Sie war müde, aber das Müde fühlte sich anders an als morgens in der Frühe – es war ein schweres, warmes Müde, das sich nach etwas anfühlte.

Auf der letzten freien Seite im Block malte sie einen winzigen schwarzen Punkt, ganz unten links. Daneben zeichnete sie einen Pfeil und schrieb – ein bisschen schief, die Buchstaben noch groß wie Kieselsteine – „Hier hat alles angefangen.“

Mama schaute drauf und lachte. Nicht laut, sondern so wie Lachen klingt, wenn es warm ist und von innen kommt. Dann küsste sie Ronja auf die Stirn. „Du hast die ganze Reise selbst erfunden, mein Schatz.“

Mallorca roch nach Salz und heißem Stein.

Ronja lag im Hotelbett, die Fensterläden ein bisschen offen, ein Streifen Abendlicht auf dem Boden. Draußen rauschte leise das Meer. Sie legte den Block neben sich auf das weiße Kissen, damit er da war, wenn sie aufwachte.

Mama deckte sie zu.

„Morgen mal ich Meer“, murmelte Ronja.

Dann schlief sie ein.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Was hat Ronja zuerst gemalt, als das Flugzeug gestartet ist?
  • Warum musste Pip durch die Sicherheitskontrolle?
  • Was hat Ronja zu Marie gesagt, als die gefragt hat, was sie zeichnet?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Hast du schon mal etwas gemalt, als du dich unwohl gefühlt hast?
  • Kennst du auch ein Gefühl, das erst gruselig war und dann besser wurde?
  • Was nimmst du mit, wenn du woanders übernachtest oder auf Reisen gehst?
Was wäre, wenn …?
  • Was könnte in der Wolkenburg alles passieren?
  • Was würdest du malen, wenn du im Flugzeug am Fenster sitzen würdest?

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.