Das Geheimnis des alten Leuchtturms

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Die Sonne schien warm auf die Hafenmauer, und Mia hatte eigentlich nichts vor. Dann sah sie den Leuchtturm.

Er stand am Ende des Felsvorsprungs, ein bisschen schief, mit verwitterten weißen Wänden und einer Laterne oben die schon lange nicht mehr brannte. Ein Schild am Zaun sagte: ZUTRITT VERBOTEN. Aber das Schloss an der Gartenpforte hing offen.

Mia schaute sich um. Opa Heinz saß oben auf der Terrasse des Ferienhauses und döste in der Sonne. Er würde eine Weile schlafen.

Sie schob die Pforte auf.

Der Garten um den Turm war verwildert – Disteln so hoch wie Mia, Brombeerranken die sich quer über den Weg schlangen. Irgendwo rief eine Möwe. Mia kämpfte sich bis zur Eingangstür vor und drückte die Klinke hinunter.

Die Tür öffnete sich mit einem Knarzen das durch die ganze Bucht zu hören war.

Drinnen roch es nach altem Holz und Salz und etwas das Mia nicht benennen konnte – so wie Bücher, aber älter. Die Wendeltreppe schraubte sich nach oben ins Dunkle. An den Wänden hingen verblichene Fotos: Schiffe, Männer in Ölzeug, Stürme.

Mia zögerte.

Wenn du umkehrst, sagte sie sich, weißt du nie warum Opa immer so komisch guckt wenn er den Leuchtturm anschaut.

Sie begann zu steigen.

Die Treppe knarrte bei jedem Schritt. Durch die schmalen Fensterluken konnte Mia das Meer sehen, erst nah, dann weiter und weiter weg. Auf Höhe des dritten Fensters entdeckte sie etwas Seltsames: In die Steinwand war mit einem Nagel geritzt: Clara war hier. 1962.

Darunter: Tom. 1978. Ich komme wieder.

Und noch tiefer, mit Bleistift kaum lesbar: Heute Nacht war ein Sturm. Ich hatte Angst. Der Leuchtturm hat geholfen. – Anni, 1931.

Mia stand still. Sie strich mit dem Finger über die Buchstaben.

Oben angekommen – ihre Waden brannten – öffnete sich die Tür zur Laternenstube. Licht flutete herein. Das Meer lag rund herum wie ein blauer Teller, und der Horizont war so weit, dass Mia das Gefühl hatte, die Welt höre irgendwo da drüben einfach auf.

In der Mitte der Stube stand ein alter Schrank, halb offen. Mia sah Papier. Sie kniete sich hin.

Der Schrank war voll von Briefen. Hunderte. In Umschlägen, gefaltet, zusammengerollt. Manche vergilbt und brüchig, manche noch fast weiß. Mia nahm einen heraus und faltete ihn auf:

Lieber Leuchtturm, heute hat mein Hund Bello nicht mehr gefressen. Mama sagt das passiert manchmal bei alten Hunden. Ich bin sehr traurig. Ich schaue auf dein Licht und dann geht es ein bisschen besser. – Max, 9 Jahre, 1954

Mia las noch einen. Und noch einen. Ein Mädchen das Heimweh hatte. Ein Junge der sich mit seinem besten Freund gestritten hatte. Eine Schwester die hoffte ihr Bruder käme gesund aus dem Krieg zurück.

Dann hielt sie inne.

Der nächste Umschlag war anders. Hellblau. Und auf der Außenseite stand eine Handschrift die Mia irgendwie bekannt vorkam. Sie öffnete ihn.

Lieber Leuchtturm, ich bin diesen Sommer jeden Tag hier gewesen. Manchmal mit Heinz, meistens alleine. Heinz sagt er kommt nächsten Sommer wieder. Ich weiß nicht ob ich glaube dass das stimmt. Menschen sagen viele Sachen. Aber ich komme wieder. Ich schwöre es. – Lotte, 1971

Mia ließ den Brief sinken.

Das war Omas Name. Oma Lotte, die vor drei Jahren gestorben war.

Mia saß lange auf dem Boden der Laternenstube, den Brief in den Händen, das Meer rauschend unter ihr. Ein Sommertag, 1971. Oma war damals so alt wie Mia jetzt. Sie hatte hier gesessen und an Opa Heinz gedacht, der versprochen hatte wiederzukommen.

Und er war wiedergekommen. Natürlich war er das.

Auf dem Weg nach unten nahm Mia vorsichtig drei Briefe mit: Lotte 1971, Max und Bello, und Clara von 1962. Die anderen ließ sie wo sie waren.

Opa saß noch auf der Terrasse, nicht mehr döst aber mit geschlossenen Augen, das Gesicht zur Sonne gewandt.

„Opa“, sagte Mia.

Er öffnete die Augen.

Mia legte den hellblauen Brief auf seinen Schoß.

Eine lange Zeit sagte Opa gar nichts. Seine Hände zitterten ein bisschen als er den Brief aufhob. Er las ihn, obwohl er ihn sicher auswendig kannte. Dann schluckte er.

„Woher hast du…“

„Der Schrank in der Laternenstube“, sagte Mia. „Da sind noch viele mehr. Von ganz vielen Kindern. Ich hab sie gelassen wo sie waren.“

Opa sah sie an. Lange.

„Sie hat immer gesagt, der Leuchtturm ist ihr Briefkasten“, sagte er schließlich, sehr leise. „Ich hab nie gewusst ob sie das ernst meinte.“

„Sie hat es ernst gemeint.“

Opa legte den Brief sorgfältig zusammen. Dann streckte er eine Hand aus und Mia setzte sich neben ihn auf die Bank. Das Meer war jetzt golden von der späten Sonne. Weit draußen blinkte ein Containerschiff.

„Weißt du was das Schönste ist?“, sagte Opa nach einer Weile.

„Was?“

„Dass du da reingegangen bist.“ Er lächelte – ein richtiges Lächeln, das bis in die Augen ging. „Sie hätte das gemocht.“

Mia lehnte sich an seine Schulter. Der Wind roch nach Salz und ein bisschen nach dem alten Holz des Leuchtturms, der immer noch schief am Felsvorsprung stand und auf das Meer schaute.

An diesem Abend schrieb Mia auch einen Brief. Sie faltete ihn sorgfältig und schrieb außen drauf: Mia. 2026. Für alle die danach kommen.

Am nächsten Morgen kletterte sie die Wendeltreppe hoch und legte ihn in den Schrank.

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.

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