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Pia und Joni sitzen nach einem Streit an verschiedenen Bibliothekstischen und reichen einander einen Zettel

GESCHICHTE

Der allergrößte Streit

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 7-9 Jahre
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Pia knallte die Zimmertür zu. Sie knallte sie so fest, dass das gerahmte Bild von Joni und ihr im Flur ein kleines Stück nach links rutschte. Sie hatte das gesehen. Es war ihr egal.

„Pia?“, rief Mama von unten. „Alles okay?“

„JA.“

Es war nicht okay.

Pia ließ sich aufs Bett fallen, mit Schuhen, was sie nie machte. Sie zog ein Kissen über den Kopf und versuchte, nicht an Joni zu denken. Das ging nicht. Joni war überall: in der Box mit den Freundschaftsketten, im Klebeband-Kalender an der Wand, auf dem Foto mit dem Karussell. Pia überlegte kurz, ob sie aufstehen und das Foto umdrehen sollte. Aber dafür müsste sie aufstehen.

Es war alles wegen Lola. Pia hatte Joni etwas Geheimes erzählt – über Lola und das, was Lola in der Mathestunde gemacht hatte. Pia hatte gesagt: *Sag das niemandem.* Joni hatte genickt. Joni hatte gesagt: *Ehrenwort.* Und dann, drei Tage später, in der großen Pause, hatten alle plötzlich Bescheid gewusst.

Pia hatte Joni gefragt: *Hast du es Tess gesagt?* Joni hatte rot gekriegt. Joni hatte gesagt: *Nur Tess. Tess sagt das niemandem.* Und Pia hatte gerufen: *Du bist die schlechteste beste Freundin der Welt!* Und Joni hatte zurückgerufen: *Du bist gemein!* Und das war das Ende von Pia und Joni gewesen, mitten in der Pause, neben dem Klettergerüst.

Pia drehte sich auf den Bauch. Das Kissen war jetzt nass. Das machte nichts.

Eine Stunde später klopfte Mama. Sie machte die Tür ein Spältchen auf.

„Willst du runterkommen?“

„Nein.“

„Joni?“

„Ich rede nicht mehr mit Joni. Nie mehr.“

Mama sagte nichts. Sie setzte sich auf den Bettrand. Sie strich Pia einmal über den Rücken. Dann ging sie wieder.


Bei Joni saß Joni auf dem Boden im Wohnzimmer und zerschnitt ein Stück Pappe in immer kleinere Stücke. Sie wusste nicht, warum. Sie machte einfach weiter. Schnipp. Schnipp. Schnipp.

Tess hatte es nicht weitererzählt. Tess hatte es geschworen. Aber Tess hatte es Anna erzählt – nur Anna! – und Anna hatte es Lila erzählt, und Lila hatte es eben *erzählt*, einfach so, weil sie so war. Joni wusste, dass das nichts mehr besser machte. Sie hatte ihr Geheimnis-Versprechen kaputt gemacht. Pia hatte recht.

Aber Pia war auch laut gewesen. Vor allen.

Joni schnitt weiter. Schnipp. Schnipp.


Am Abend fragte Pias Mama beim Essen: „Möchtest du Joni anrufen?“

„Nein.“

„Möchtest du eine Nachricht schreiben?“

„Nein.“

Mama nickte. Sie sagte nichts mehr. Pia war dafür dankbar.

Pia ging früh ins Bett. Sie schaute lange an die Decke. Sie überlegte, was eigentlich genau verloren gegangen war. Joni? Aber Joni war ja nicht weg, Joni war drei Straßen weiter in ihrem Zimmer. Das Vertrauen? Vielleicht. Vielleicht auch was anderes. Pia konnte das Wort nicht finden.


Am Montag in der Schule saßen sie beide an ihren Plätzen. Jede schaute den ganzen Vormittag stur nach vorn. In der großen Pause ging Pia in die Bibliothek, was sie sonst nie tat. Joni ging in die Bibliothek, was sie sonst auch nie tat. Sie sahen sich. Sie sahen weg. Sie setzten sich an verschiedene Tische.

Pia las nicht. Sie hatte ein Buch vor sich, aber sie las nicht. Sie schaute auf die Tischplatte. Joni machte das Gleiche, drei Tische weiter.

Frau Brand, die Bibliothekarin, kam vorbei und schob beiden lautlos einen Block Papier hin. „Falls jemand was schreiben möchte“, sagte sie und ging weiter. Sie sagte das oft. Es war ihr nicht aufgefallen, dass Pia und Joni heute besonders waren.

Pia schaute auf das Papier. Sie schaute zu Joni. Joni schaute weg.

Pia nahm einen Stift. Sie schrieb nichts. Sie hielt den Stift nur fest. Dann, ganz langsam, schrieb sie ein Wort. Ein einziges. Sie faltete das Blatt einmal, zweimal, dreimal. Sie stand auf. Sie ging an Jonis Tisch vorbei und legte das Blatt ab, ohne hinzusehen. Sie ging weiter, an die Regale, und tat, als suche sie ein Buch.

Joni faltete das Blatt auf.

Da stand: *Aua.*

Joni guckte hoch. Pia stand mit dem Rücken zu ihr und tat, als zog sie ein Buch heraus. Joni nahm den Stift. Sie schrieb auch nur ein Wort. Sie faltete und legte es auf Pias Tisch, im Vorbeigehen.

Pia kam zurück. Sie machte das Blatt auf.

Da stand: *Auch.*

Sie sahen sich von ihren Tischen aus an. Niemand lächelte. Aber niemand schaute weg.

Es war kein Frieden. Noch nicht. Es war erst der Anfang davon, dass sie überhaupt wieder am gleichen Ort sein konnten, ohne dass etwas zerbrach. Aber für heute war das genug.

Sie blieben in der Bibliothek bis zum Klingeln. Jede an ihrem Tisch. Pia las jetzt wirklich. Joni auch. Manchmal schaute eine kurz hoch und sah, dass die andere noch da war. Das war alles.

Als sie hinausgingen, ein paar Schritte hintereinander, sagte keine etwas. Aber sie gingen in die gleiche Richtung. Bis sie in den Klassenraum mussten.

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.