Mira streckte die Zunge heraus und stupste den Zahn an.
Er wackelte. Wieder. Und wieder.
Schon seit drei Wochen wackelte er so – und er fiel einfach nicht raus.
„Mama, ich will, dass er endlich rauskommt!“, rief Mira und tappte in die Küche.
Mama trocknete die Hände ab und kniete sich herunter. „Dann schauen wir ihn uns mal an, mein Schatz.“
Sie holte einen Faden aus der Schublade. Mira kletterte auf den Küchenstuhl und öffnete den Mund so weit sie konnte.
Mama band den Faden vorsichtig um den kleinen Zahn. „Bist du bereit?“
Mira hielt die Augen fest geschlossen und nickte.
Mama zog – einmal, zweimal, ganz sanft. Der Zahn wackelte, zitterte, bog sich. Er fiel nicht raus.
„Au“, flüsterte Mira, auch wenn es gar nicht so sehr wehgetan hatte.
Mama pustete ihr einen Kuss auf die Wange. „Vielleicht morgen. Oder übermorgen. Der Zahn kommt dann, wenn er bereit ist.“
Mira runzelte die Stirn. Der Zahn hatte schon drei Wochen Zeit gehabt.
Am nächsten Morgen biss Mira in einen Apfel. Lena aus der Kita hatte ihren Zahn beim Apfelbeißen verloren.
Der Apfel knackte und war süß und saftig – aber der Zahn blieb sitzen.
Mira kaute langsam und tastete mit der Zunge nach. Noch da. Natürlich noch da.
„Alle anderen haben schon einen verloren“, murmelte sie abends ins Kissen. „Sogar Jonas, und der ist erst vier.“
Am Freitagabend kam Oma Eva. Sie roch nach Lavendel und trug eine Tasche, die leise raschelte.
„Hallo, mein Liebling!“, rief sie und zog Mira fest an sich.
Mira drückte ihr Gesicht in Omas warme Strickjacke. Irgendwie war es bei Oma immer ein bisschen besser.
Mama hatte Apfelmus gemacht, mit Zimt. Der Duft zog durch die ganze Küche – warm und süß und ein bisschen nach Herbst.
Mira setzte sich an den Tisch und löffelte. Das Apfelmus war weich, gerade warm genug, und der Zimt kitzelte auf der Zunge.
„Erzähl mir von deiner Woche“, sagte Oma und lehnte sich vor.
„Der Zahn wackelt noch immer“, antwortete Mira. „Mama hat sogar einen Faden probiert.“
„Ach was!“ Oma zog die Augenbrauen hoch. „Ein richtiger Faden?“
„Ja, aber er ist nicht rausgekommen.“ Mira löffelte weiter. „Die Zahnfee kommt nur, wenn man einen Zahn unters Kissen legt. Ohne Zahn – keine Zahnfee.“
Oma nickte ernst. „Das stimmt. Die Zahnfee ist sehr genau.“
Mira schluckte einen weiteren Löffel Apfelmus. Es war so weich und so warm, und es schmeckte nach –
Da war etwas anders.
Mira legte den Löffel hin.
Sie bewegte die Zunge langsam, ganz langsam nach vorne. Da, wo der Zahn gesessen hatte – da war jetzt eine Lücke. Eine kleine, glatte Lücke, die sich kühl anfühlte.
Mira schluckte.
Ihr Herz klopfte.
Sie blickte in den Teller. Das Apfelmus war hell und glatt. Sie sah nichts darin, keinen kleinen weißen Zahn, gar nichts.
Hatte sie ihn verschluckt?
Mama und Oma redeten weiter. Mira hörte ihre Stimmen wie durch Watte. Sie rührte mit dem Löffel langsam durch das Apfelmus und suchte nach etwas Hartem.
Nichts.
Wenn sie jetzt etwas sagte, würden sie vielleicht fragen: „Bist du sicher?“ Oder: „Vielleicht bildest du es dir ein.“ Kein Zahn, keine Zahnfee.
Wenn sie schwieg, war es so, als ob es gar nicht passiert wäre.
Mira tippte mit der Zunge in die Lücke. Sie war echt. Der Zahn war weg, das war echt.
Sie schaute zu Oma herüber.
Oma hatte braune Augen, die immer ein bisschen lachten, auch wenn ihr Mund gar nicht lachte. Oma glaubte Mira eigentlich immer.
„Oma“, flüsterte Mira. „Ich glaube… ich glaube, mein Zahn ist rausgekommen.“
Mama sah auf. „Was?“
„Im Apfelmus“, sagte Mira leise. „Aber ich finde ihn nicht mehr.“
Oma lehnte sich vor und schaute in den Teller. Sie stocherte mit einem sauberen Löffel vorsichtig durch das Apfelmus. Dann schüttelte sie den Kopf.
„Nicht hier, mein Schatz.“
„Dann hab ich ihn verschluckt“, sagte Mira. Ihre Stimme klang kleiner als sie wollte.
Mama streckte die Hand aus und drückte Miras Finger. „Zeig mal.“
Mira öffnete den Mund. Mama sah sofort die Lücke.
„Oh!“ Mamas Augen wurden groß. „Das ist eine wunderschöne Lücke, Mira.“
Aber Mira dachte nur: Kein Zahn. Keine Zahnfee.
Oma stand ruhig auf und holte ein Glas Wasser. Dann setzte sie sich wieder hin und schaute Mira an.
„Weißt du“, sagte Oma gemächlich, „manche Zähne gehen einfach einen anderen Weg.“
Mira blinzelte. „Was für einen Weg?“
„Einen geheimen.“ Oma sprach leise, als würde sie ein Geheimnis teilen. „Einen, den man nicht sieht. Aber das macht den Zahn nicht weniger echt.“
„Aber die Zahnfee braucht doch einen richtigen Zahn.“
Oma tippte nachdenklich auf den Tisch. „Oder – sie braucht einen Beweis, dass der Zahn wirklich da war. Dass es wirklich passiert ist.“
Mira runzelte die Stirn. „Was für einen Beweis?“
„Den machen wir selbst“, sagte Oma und stand auf. „Komm mit.“
Sie gingen ins Kinderzimmer. Oma kramte in der Schreibtischschublade und fand Buntstifte und einen Zettel.
„Mal dich“, sagte Oma. „Mit der Lücke.“
Mira nahm den hellbraunen Stift, der so ähnlich war wie ihre Haare. Sie malte einen Kopf mit zwei Augen und einem lachenden Mund – und in dem Mund, ganz vorne, eine Lücke.
„Das bin ich“, sagte sie.
„Ja, genau du.“ Oma strich mit dem Finger sanft über die Zeichnung.
Dann schrieb Oma auf einen kleinen Zettel: 3. Mai. Miras erster Zahn. Gegangen auf einem anderen Weg. Sie faltete ihn einmal und noch einmal.
Mira legte die Zeichnung und den Zettel in eine kleine Holzschachtel, die eigentlich für Murmeln war. Sie drückte den Deckel zu.
„Das ist jetzt deine Erinnerungsbox“, sagte Oma leise.
„Und die kommt unter das Kissen?“ Mira hielt die Schachtel fest umklammert.
„Genau unter das Kissen.“
Mira schob die Schachtel vorsichtig unter ihr Kissen und strich die Bettdecke glatt.
Oma gab ihr einen langen Gutenachtkuss auf die Stirn. „Schlaf gut, mein Schatz.“
Mira schloss die Augen und spürte mit der Zunge die kleine kühle Lücke. Ihr Zahn. Ihr Abend. Ihr ganz eigener Weg.
Am nächsten Morgen lag dort, wo die Schachtel gelegen hatte, ein glatter weißer Stein. Jemand hatte mit kleiner, feiner Hand einen Mond darauf gemalt – und darunter eine Zahnlücke, genauso wie in Miras Zeichnung.
Mira hielt den Stein in den Fingern und drehte ihn hin und her. Er war kühl und glatt und passte genau in ihre Handfläche.
Dann paddte sie ins Bad und stellte sich vor den Spiegel.
Sie öffnete den Mund.
Die Lücke war noch da – eine echte, kleine, saubere Lücke, genau vorne.
Mira lächelte. Die Lücke lächelte mit.
Sie hielt den Stein ans Licht. Der Mond darauf schimmerte ein bisschen, wie Mondlicht auf ruhigem Wasser.
Mira drückte den Stein an ihr Herz, tappte zurück ins Bett und kuschelte sich tief in die Kissen.
Draußen war es noch ganz still.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Mira gemacht, um ihren Zahn rauszubekommen?
- Wo ist Miras Zahn hingekommen?
- Was hat Mira mit Oma zusammen gemacht, bevor sie schlafen ging?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal auf etwas gewartet, das einfach nicht passieren wollte?
- Was machst du, wenn etwas nicht so läuft, wie du es dir gewünscht hast?
- Wer hilft dir, wenn du traurig oder enttäuscht bist?
Was wäre, wenn …?
- Was glaubst du, wo Miras Zahn jetzt ist?
- Was könnte die Zahnfee noch alles bringen, außer einem Stein mit Mond?




