Leon und die große Wut

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„Das ist MEINE!“, schrie Leon und riss das Heft aus Emmas Händen.

Emma ließ los. Oder fast – es gab ein Reißen, und eine Seite blieb in ihrer kleinen Faust, zerknittert und halb zerrissen.

Leons Lieblingsheft. Das blaue mit den Drachen auf dem Cover, in das er jeden Abend seine Erfindungen zeichnete.

„Du hast es kaputt gemacht!“, brüllte er.

Emma riss die Augen auf. „Ich wollte nur…“

„RAUS! Raus aus meinem Zimmer! SOFORT!“

Emma rannte. Leon schlug die Tür zu, so fest die Wand wackelte.

Er saß auf dem Boden und hielt das Heft. Die zerrissene Seite war die mit der Rakete, an der er zwei Wochen gezeichnet hatte. Blau, mit Golddetails, mit ausklappbaren Flügeln. Weg.

Die Wut saß wie ein heißer Stein in seiner Brust.

Mama klopfte nach zehn Minuten.

„Leon.“

„Ich will nicht reden.“

„Okay.“ Eine Pause. „Emma weint.“

„Ist mir egal.“

Mama sagte nichts mehr. Ihre Schritte entfernten sich.

Leon saß noch lange so. Der heiße Stein in seiner Brust wurde nicht kleiner – aber er veränderte sich irgendwie. Wurde schwerer. Weniger heiß.

Er holte einen neuen Stift.

Er würde die Rakete neu zeichnen. Besser als vorher. Ohne Emma.

Aber als er die Feder ansetzte, dachte er an Emmas Gesicht in dem Moment bevor er losbrüllte. Sie hatte das Heft aufgeschlagen gehabt. Sie hatte darin geblättert. Sie hatte nicht gekritzelt oder etwas kaputtgemacht – sie hatte nur… geschaut.

Ich wollte nur, hatte sie gesagt.

Leon legte den Stift weg.

Er stand auf. Im Flur war es still. Die Tür zu Emmas Zimmer war zu, aber er hörte leises Schniefen.

Er klopfte.

Nichts.

„Emma.“

Schniefen.

„Ich komm rein okay?“

Er öffnete die Tür. Emma lag auf dem Bett, das Gesicht in den Kissen. Neben ihr lag das Stück zerrissene Seite, glattgestrichen, als hätte sie versucht es zu reparieren.

Leon setzte sich auf die Bettkante.

„Was wolltest du eigentlich?“, fragte er. Nicht böse. Nur fragen.

Emma drehte sich um. Ihre Wangen waren nass. „Ich wollte schauen wie du die Drachen machst. Ich kann keine so guten.“

Etwas Seltsames passierte in Leons Brust. Der schwere Stein – er schrumpfte nicht, aber er wurde ein bisschen runder, weniger kantig.

„Du hättest fragen können“, sagte er.

„Du warst beim Zeichnen. Du magst das nicht wenn man stört.“

Das stimmte. Das hatte Emma also gewusst und trotzdem – nein. Sie hatte gewartet bis er weg war. Hatte nur kurz geschaut.

Leon schluckte.

„Komm“, sagte er.

„Wohin?“

„Mein Zimmer.“

Emma sah ihn an. Dann stand sie auf, ohne Fragen.

In seinem Zimmer holte Leon das blaue Heft und schlug eine leere Seite auf. Er legte es zwischen sie beide auf den Tisch.

„Das hier“, sagte er und zeigte auf einen alten Drachen auf Seite drei, „fängst du immer mit dem Rücken an. Nicht mit dem Kopf. Der Rücken bestimmt wie groß er wird.“

Emma beugte sich vor. Ihre Nase war noch rot.

„Warum?“

„Weil der Kopf sich anpassen muss. Wenn du den Kopf zuerst machst, wird der Drache immer zu groß für das Papier.“

Emma runzelte die Stirn – das Runzeln das sie immer machte wenn sie wirklich nachdachte. „Wie bei Häusern. Zuerst der Keller.“

Leon blinzelte. „Genau. Ja.“

Er schob ihr einen Stift rüber.

„Probier.“

Emma fasste den Stift. Ihre Hand war sehr klein. Sie setzte an, zog eine Linie für den Rücken – zu kurz, dann zu steil, dann… eigentlich gar nicht schlecht.

„So?“, fragte sie.

„Mehr Kurve. Drachen sind nicht eckig.“

Sie korrigierte. Diesmal stimmte die Kurve.

„Gut“, sagte Leon.

Emma strahlte – und dann, ohne Vorwarnung, wackelte ihr Ellenbogen und die Linie schoss quer über die Seite.

Sie erstarrte. Sah ihn an.

Leon sah die Linie an. Dann die neue Seite die jetzt quer durchgestrichen war.

Er atmete einmal. Tief.

„Das ist der Schwanz“, sagte er. „Den hatte ich noch gar nicht geplant. Aber der sieht eigentlich gut aus.“

Emma ließ langsam die Luft raus die sie angehalten hatte. „Wirklich?“

„Der ist besser als der von meiner Rakete.“ Er nahm seinen Stift und ergänzte Schuppen am Schwanz. „Schau, wenn wir hier noch…“

Sie zeichneten bis Mama zum Abendbrot rief. Der Drache bekam vier Beine, Flügel die auf der linken Seite leicht größer waren als auf der rechten, und Zähne die Emma alleine gezeichnet hatte – krumm und schief und irgendwie perfekt.

„Der heißt Enzo“, sagte Emma.

Leon betrachtete Enzo. „Okay.“

„Darf ich ihn ausschneiden und in mein Zimmer hängen?“

Eine Sekunde zögerte Leon. Dann nickte er.

Emma schnitt vorsichtig aus. Leon sah zu. Als sie fertig war, hielt sie Enzo hoch – der Drache mit dem Unfall-Schwanz und den schiefen Zähnen und den ungleichen Flügeln, auf einer Seite die Leon frisch in das blaue Heft eingeklebt hatte.

Auf der anderen Seite war noch die zerrissene Rakete.

Leon faltete das Stück Papier einmal um, sodass die Rakete nach innen zeigte und Enzo nach außen.

„Geh hängen“, sagte er.

Emma rannte.

Beim Abendbrot war der heiße Stein in Leons Brust weg. Wann genau – er wusste es nicht. Irgendwann zwischen dem Rücken und dem Schwanz und den schiefen Zähnen war er einfach kleiner geworden, und dann noch kleiner, und dann weg.

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.

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