Der Wind zerrte an Kunos Jacke und zauste ihm die Haare. „Perfektes Drachenwetter!“, rief Papa und hielt den bunten Drachen hoch. Er hatte einen langen Schwanz aus glitzernden Bändern.
Kuno packte die Schnur und rannte los, so schnell er konnte, über die weite Wiese. Der Drachen hopste hinter ihm her — und plumpste ins Gras. „Och nö“, schnaufte Kuno.
„Du musst gegen den Wind laufen“, sagte Papa. „Nicht mit ihm. Und lass die Schnur ganz langsam locker.“
Kuno drehte sich um, sodass der Wind ihm voll ins Gesicht blies. Er rannte wieder. Diesmal spürte er, wie der Drachen an der Schnur zog, leichter und leichter — und dann stieg er auf!
Höher und höher kletterte der Drachen in den Himmel. Sein Bänderschwanz tanzte und ringelte sich im Wind. Kuno lachte laut. „Schau, Papa! Er fliegt!“
Der Drachen wurde immer kleiner, ein bunter Fleck zwischen den Wolken. Die Schnur summte in Kunos Händen. Es kribbelte bis in die Fingerspitzen.
Doch dann — ganz plötzlich — hörte der Wind auf zu pusten. Einen Moment lang stand alles still.
Der Drachen kippte zur Seite. Er fiel. Und genau unter ihm glitzerte der große Teich.
„Nein!“, rief Kuno. Sein Herz raste. Wenn der Drachen ins Wasser fiel, war er für immer kaputt.
Schnur straff halten, schoss es ihm durch den Kopf. Kuno wirbelte herum und rannte rückwärts, so schnell seine Beine ihn trugen, weg vom Teich. Die Schnur spannte sich.
Und im allerletzten Moment, kurz über dem Wasser, fing eine neue Böe den Drachen. Er ruckte hoch, fing sich — und stieg wieder steil in den Himmel.
Kuno blieb keuchend stehen. „Ich hab ihn gerettet“, flüsterte er ungläubig. Dann strahlte er über das ganze Gesicht.
Papa klatschte in die Hände. „Das war ein echter Drachenpilot!“
Sie ließen den Drachen noch lange fliegen, bis die Sonne tief stand und Kunos Wangen ganz kalt und rot vom Wind waren.
Am Abend lehnte der bunte Drachen in der Ecke von Kunos Zimmer, der Bänderschwanz ordentlich aufgerollt.
Kuno kuschelte sich unter die Decke. In seinem Kopf flog er immer noch, hoch oben zwischen den Wolken, der Wind in den Ohren. Und während der Drachen in der Ecke leise im Luftzug raschelte, schlief Kuno ein und träumte vom Fliegen.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Papa Kuno gezeigt, damit der Drachen fliegen kann?
- Was ist passiert, als der Wind plötzlich aufhörte zu pusten?
- Wie hat Kuno den Drachen vor dem Teich gerettet?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal einen Drachen steigen lassen? Wie war das?
- Hattest du auch schon mal Angst, dass etwas kaputt geht? Was war das?
- Wie fühlt es sich für dich an, wenn der Wind ganz stark pustet?
Was wäre, wenn …?
- Stell dir vor, der Drachen könnte dich mitnehmen. Wohin würdest du fliegen?
- Was könnte Kuno beim nächsten Mal mit seinem Drachen erleben?




