Devin band sich die Kochschürze zweimal um den Bauch, weil sie eigentlich für Erwachsene gemacht war, und straffte die Schultern. „Heute koche ich. Ganz allein!“, hatte er heute Morgen beim Frühstück verkündet, und seine kleine Schwester Nele hatte gestaunt, als hätte er angekündigt, auf den Mond zu fliegen.
Jetzt war es so weit. „Ich hab in fünf Minuten mein wichtiges Meeting“, sagte Mama und schob sich das Headset über die Ohren. „Schaffst du das wirklich, Spaghetti mit Soße?“
„Ich hab dir dabei schon hundert Mal zugeschaut“, sagte Devin. „Ich schaff das.“
Mama drückte kurz seine Hand. „Ruf mich nur, wenn’s brennt.“ Dann verschwand sie mit ihrem Laptop ins Arbeitszimmer, und die Tür ging leise zu.
Devin war jetzt allein in der Küche, und zum ersten Mal spürte er, wie groß die Küche eigentlich war. Er füllte den großen Topf mit Wasser, stellte ihn auf die größte Platte und wartete, bis kleine Blasen nach oben stiegen. Als das Wasser kochte, ließ er die Spaghetti vorsichtig hineingleiten, wie einen Stapel Mikado-Stäbchen.
Auf einmal fing das Wasser an zu schäumen und stieg gegen den Topfrand. Devins Herz machte einen Hüpfer. Gleich würde alles über den Herd laufen! Er drehte hastig den Knopf runter, bis das Schäumen sich beruhigte. Geschafft. Sein Puls raste trotzdem noch.
Die Soße machte ihm mehr Sorgen. Er kippte das Glas Tomatensoße in einen Topf, ließ sie blubbern und probierte mit dem Löffel. Er verzog das Gesicht. Die Soße schmeckte nach fast gar nichts. Wie warmes Wasser mit Tomaten drin.
Aus dem Wohnzimmer rief Nele: „Riecht schon richtig lecker!“ Devin schluckte. Vom Fenster aus sah er, wie Papas Auto in die Einfahrt bog. Keine Zeit mehr, und keine zweite Soße im Haus, falls diese hier misslang.
Er könnte klopfen, dachte er kurz. Aber dann müsste Mama mitten im Meeting raus, und er hätte es nicht wirklich allein geschafft. Er nahm stattdessen die Salzdose und schüttelte eine ordentliche Prise in den Topf. Probieren. Immer noch fad, nur jetzt eben salzig-fad. Devin presste die Lippen zusammen. Draußen fiel die Autotür zu.
Er drehte sich hin und her, suchte mit den Augen die Küche ab, als könnte irgendwo eine Lösung stehen. Der Brotkorb. Die Gewürzregale über dem Herd. Und dann, ganz am Rand seines Blicks, die kleinen Kräutertöpfe auf der Fensterbank. Erst dachte er gar nicht weiter darüber nach. Aber irgendetwas an dem Geruch, der von dort herüberwehte, kam ihm merkwürdig bekannt vor.
Er beugte sich über die Töpfe und roch an jedem. Der eine roch scharf und beißend. Der zweite roch nach fast gar nichts. Beim dritten aber blieb er stehen und schloss die Augen. Genau so hatte die Küche gerochen, wenn Mama ihre berühmte Spaghetti-Soße kochte, dieser Duft, der ihn immer schon vom Flur aus hungrig gemacht hatte.
Die Wohnungstür ging auf. „Ich bin da!“, rief Papa.
Devin zögerte nur eine Sekunde. Wenn er sich irrte, war die Soße endgültig hin, und es gäbe heute nur noch fade Nudeln vor der ganzen Familie. Aber fad war sie sowieso schon. Schlimmer konnte es kaum werden.
Er zupfte drei kleine Blätter ab, rieb sie zwischen den Fingern und ließ die Krümel in die Soße fallen. Rührte um. Wartete. Probierte mit zitternder Hand.
Seine Augen wurden groß. Die Soße schmeckte plötzlich genau richtig. Warm und würzig und ein kleines bisschen nach Sommer. Devin grinste so breit, dass ihm fast der Löffel aus der Hand fiel, und schüttete den Rest der Blätter mit einem Schwung hinterher.
Er deckte den Tisch, so schnell seine Hände konnten, gerade als Papa und Nele in die Küche kamen und Mama mit rotem Kopf aus dem Arbeitszimmer trat, ihr Meeting endlich vorbei.
„Riecht das nach deiner berühmten Soße?“, fragte Papa und schnupperte.
„Das war nicht ich“, sagte Mama.
„Das war ich“, sagte Devin und stellte die dampfende Schüssel mit einem kleinen Knall auf den Tisch. „Ganz allein.“
Papa nahm die erste Gabel Spaghetti, kaute, und hielt inne. „Devin. Das ist richtig gut!“
Mama probierte auch und zog die Augenbrauen hoch. „Was hast du da reingemacht?“
„Ein Geheimnis“, sagte Devin und grinste, obwohl er es am liebsten sofort verraten hätte. Nele wollte sofort einen Nachschlag, und unter dem Tisch wippte Devins Fuß, so schnell, dass die Gabel auf seinem Teller leise klapperte.
Später, im Bett, kam Mama noch einmal rein für den Gutenachtkuss.
„Du hast das heute wirklich ganz allein geschafft“, flüsterte sie.
„War auch ganz schön knapp“, sagte Devin und musste grinsen. Dann drehte er sich um und schlief ein, bevor Mama überhaupt das Licht ausgemacht hatte.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was wollte Devin heute zum ersten Mal ganz allein machen?
- Was ist mit dem Wasser passiert, als Devin die Nudeln reingetan hat?
- Wie hat Devin herausgefunden, welches Kraut in die Soße passt?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal etwas ganz allein gemacht, obwohl du ein bisschen aufgeregt warst?
- Woran erinnerst du dich, wenn du an einen besonderen Duft denkst?
- Was würdest du gerne mal in der Küche ausprobieren?
Was wäre, wenn …?
- Was hätte Devin noch machen können, wenn auch die Kräuter nicht geholfen hätten?
- Was könnte Devin beim nächsten Mal kochen wollen?




