„Stillgehalten, Oma!“, flüsterte Mio. „Bewegt euch nicht!“
Oma stand im Garten zwischen den Tulpen und tat genau das, was Mio sagte. Sie hielt die Gießkanne hoch wie eine Statue. Auf ihrer dicken Strickjacke, gleich neben dem mittleren Knopf, krabbelte etwas Bräunliches mit goldenen Punkten.
„Was ist das?“, flüsterte Oma zurück.
„Ein Käfer.“ Mio kniff die Augen zusammen. „Ein dicker.“
„Maikäfer“, sagte Oma sofort und atmete aus. „Heute ist der erste Mai. Da darf so einer aufwachen.“
Mio kam ein Stück näher. Der Käfer war fast so groß wie sein kleiner Finger. Er hatte komische, fächrige Hörner am Kopf, fast wie winzige Kämme. Er bewegte sich langsam, ganz vorsichtig, als wäre er sich nicht sicher, ob die Strickjacke ein guter Ort ist.
„Krabbelt der mir noch hoch?“, fragte Oma.
„Vielleicht.“
„Und dann?“
Mio dachte nach. Käfer hatte er schon gesehen. Aber meistens waren sie ihm zu schnell. Dieser hier war anders. Der hatte es nicht eilig. Der war ein Mai-Tier.
„Soll ich Papa holen?“, fragte Mio.
Oma schüttelte langsam den Kopf, ohne den Käfer zu verlieren. „Wenn Papa kommt, fliegt er weg.“
„Maikäfer können fliegen?“
„Sehr gut sogar. Aber meistens am Abend.“
Mio überlegte. Er konnte ihn auf Omas Jacke lassen. Aber dann krabbelte er vielleicht in den Hals, und Oma würde quietschen. Er konnte ihn herunterpusten. Aber dann wäre der Käfer im Gras, und das Gras war hoch, und das schien Mio kein guter Ort.
Er holte tief Luft.
Vorsichtig streckte Mio die Hand aus. Mit einem Finger berührte er die Jacke direkt vor dem Käfer. Der Käfer blieb stehen. Seine Beine bewegten sich, dann tippte er Mios Finger an. Es kitzelte. *Wie ein winziger Schuh*, dachte Mio.
„Komm“, sagte Mio leise. „Hier ist besser.“
Der Käfer kletterte. Erst ein Bein, dann zwei, dann saß er ganz auf Mios Hand. Er war warm. Er war leicht. Er roch nach nichts.
„Du hast ihn“, flüsterte Oma. Sie ließ die Gießkanne langsam sinken.
Mio brachte den Maikäfer zur Birke am Zaun. Er hielt die Hand an einen tiefen Ast und wartete. Der Käfer dachte kurz nach, dann krabbelte er auf das Blatt. Er drehte sich einmal. Er zeigte seine goldenen Punkte. Dann ließ er los, klappte zwei Flügel aus, die größer waren, als Mio gedacht hatte – und er flog.
Nicht hoch. Nur in die Hecke.
Aber er flog.
„Hattest du Glück“, sagte Oma und legte ihre Hand auf Mios Schulter.
„Ich?“
„Maikäfer auf der Hand am ersten Mai.“ Oma lächelte. „Das hatte mein Vater auch. Der hat gesagt, das ist ein gutes Zeichen für den Sommer.“
Mio sah zur Hecke. Er sah seine Hand an. Sie kribbelte noch ein bisschen. Er legte den Finger auf die Stelle, wo der Käfer gesessen hatte.
„Ich glaub, ich hab Glück gehabt“, sagte er.
Oma nickte. „Zwei“, sagte sie. „Du und der Käfer.“
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Mio auf Omas Jacke entdeckt?
- Wie hat Mio den Käfer von Omas Jacke wegbekommen?
- Wohin ist der Maikäfer am Ende geflogen?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal ein Insekt auf der Hand gehabt? Wie hat sich das angefühlt?
- Was würdest du machen, wenn ein Käfer auf deiner Kleidung sitzt?
- Welches Tier hast du schon mal ganz aus der Nähe gesehen?
Was wäre, wenn …?
- Was könnte der Maikäfer in der Hecke als nächstes erleben?
- Was wäre passiert, wenn der Maikäfer nicht auf Mios Hand geklettert wäre?




