Noa hatte bereits drei kaputte Sternschnuppen repariert, als die vierte ausblieb.
Sie legte den Schweißbrenner hin, wischte sich die Hände an der Arbeitsschürze ab und trat aus der Werkstatttür. Draußen war Weltraum – schwarz und still und voller Sterne, wie immer. Weit unten sah sie den blauen Fleck der Erde.
Aber keine einzige Sternschnuppe war unterwegs.
Für eine Sternschnuppen-Mechanikerin der Galaktischen Werkstatt 7 war das ein sehr schlechtes Zeichen.
Normalerweise warteten die kaputten an der Einlieferungsschleuse – mal eine mit verbogenem Schweif, mal eine ohne Licht, meistens einfach erschöpft nach zu vielen Nächten hintereinander. Heute war die Schleuse leer.
Noa flog mit ihrem kleinen Wartungsschiff den Sternschnuppen-Korridor ab. Nichts. Hauptroute: nichts. Große Kreuzung hinter dem Orion.
Da waren sie alle.
Hunderte von Sternschnuppen, dicht an dicht, in einem riesigen schimmernden Haufen. Sie leuchteten. Sie flogen nicht.
„Was ist denn hier los?“, fragte Noa, als sie ihr Schiff daneben parkte.
Keine Antwort.
„Ihr wisst, dass heute Nacht Kinder auf der Erde warten, oder?“
Wieder nichts. Eine ältere Sternschnuppe mit silbernem Schweif drehte sich weg.
Noa lehnte sich aus dem Cockpitfenster. „Könnt ihr mir wenigstens sagen, was nicht stimmt?“
Lange Pause. Dann piepste Silberschweif etwas – hoch und dünn, wie Wind durch eine enge Röhre.
Noa hatte in der Ausbildung Sternschnuppensprache gelernt. Nicht gut, aber genug.
„Ihr habt… noch nie gefragt bekommen, was ihr euch wünscht?“
Silberschweif piepste wieder, lauter diesmal. Ein leises Leuchten ging durch den ganzen Haufen. Ja. Genau das.
Noa lehnte sich zurück. Das stand nicht im Handbuch. Im Handbuch stand: anliefern, diagnostizieren, reparieren, zurückschicken. Nirgends: Sternschnuppen fragen, was sie sich wünschen.
„Na gut“, sagte sie. „Was wünscht ihr euch?“
Großes Gemurmel. Viele Stimmen gleichzeitig, alle verschieden. Noa verstand nicht alles. Aber sie verstand genug.
Sie wollten einmal langsam fliegen. Nicht so schnell, dass man sie kaum sehen konnte – sondern langsam, damit die Kinder wirklich Zeit hatten hinzuschauen.
„Das kann ich nicht versprechen“, sagte Noa ehrlich. „Ich bin nur Mechanikerin. Aber ich geb’s weiter.“
Silberschweif überlegte. Dann machte er eine Bewegung, die wie ein Nicken aussah.
„Aber heute Nacht?“, fragte Noa. „Die Kinder warten.“
Eine kurze Beratung. Dann, eine nach der anderen, lösten sich die Sternschnuppen aus dem Haufen und flogen los.
Langsamer als sonst. Viel langsamer.
Noa schaute durchs Fernglas nach unten. Über der Erde zogen Lichtbögen am Himmel entlang – breiter, länger, leuchtender als gewöhnlich. Kein kurzes Aufblitzen, sondern richtige Streifen zum Anschauen und Wünschen.
Sie schrieb ihrer Chefin eine sehr lange Nachricht.
Dann lehnte Noa sich in den Cockpitsitz zurück und schaute zu, wie die Sternschnuppen flogen.
Langsam. Leuchtend.
Für einmal auch für sich selbst.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was ist Noas Beruf und was macht sie in ihrer Werkstatt?
- Warum sind die Sternschnuppen an diesem Tag nicht geflogen?
- Was haben die Sternschnuppen anders gemacht, nachdem sie mit Noa gesprochen haben?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal etwas gemacht, obwohl keiner gefragt hat, was du dir wünschst?
- Wann hast du dich das letzte Mal getraut, jemandem zu sagen, was du brauchst?
- Kennst du das Gefühl, dass alle immer nur wollen, dass du funktionierst?
Was wäre, wenn …?
- Was könnte Noas Chefin auf die lange Nachricht antworten?
- Stell dir vor, du könntest mit den Sternschnuppen sprechen. Was würdest du sie fragen?




