Die letzten Tropfen tickten von der Dachrinne, als Runa die Terrassentür aufriss. „Ein Regenbogen!“, rief sie und zeigte mit dem ganzen Arm zum Himmel.
Papa kam mit nassen Gummistiefeln aus dem Garten. Die Luft roch nach Erde und warmem Regen, und irgendwo zwitscherte schon wieder ein Vogel, als wäre nichts gewesen.
„Der ist aber bunt“, flüsterte Runa. Sieben Farben spannten sich über den Himmel, von Rot bis Violett, so leuchtend, als hätte jemand mit Buntstiften über die Wolken gemalt.
„Wo fängt der eigentlich an?“, fragte Runa und kniff die Augen zusammen.
„Das“, sagte Papa und lächelte geheimnisvoll, „musst du wohl selbst herausfinden.“
Das ließ sich Runa nicht zweimal sagen. Sie rannte über den nassen Rasen, ihre Füße platschten durch kleine Pfützen. Der Regenbogen schien direkt hinter Frau Beckers Apfelbaum zu beginnen.
Doch als Runa außer Atem am Zaun ankam, war der Anfang nicht mehr da. Jetzt schien der Regenbogen viel weiter hinten zu starten, gleich beim Spielplatz.
„Der bewegt sich!“, rief Runa empört.
Sie stand am Gartenzaun und überlegte. Sollte sie klettern und weiterlaufen, bis zum Spielplatz und noch weiter, egal wie weit? Ihre Hand lag schon auf der obersten Zaunlatte.
Dann bemerkte sie etwas ganz in ihrer Nähe. Winzige Wassertropfen hingen an den Grashalmen vor ihr, und wenn sie den Kopf genau richtig neigte, glitzerte in jedem einzelnen Tropfen ein kleiner Regenbogen. Rot, Gelb, Blau – ganz klein, aber da.
Runa ließ den Zaun los und hockte sich ins nasse Gras. „Papa, komm schnell!“
Papa kniete sich neben sie. Runa hielt ihm einen Grashalm mit einem einzelnen Tropfen hin. „Guck, hier ist auch einer drin!“
„Du hast recht“, sagte Papa erstaunt. „Vielleicht ist der große Regenbogen aus ganz vielen winzigen gemacht.“
Runa hüpfte durchs Gras und entdeckte einen funkelnden Tropfen nach dem anderen, an Blättern, an der Schaukel, sogar auf ihren eigenen Wimpern, wenn sie nach oben blinzelte. Den Anfang des großen Regenbogens fand sie an diesem Abend nie. Aber das machte plötzlich gar nichts mehr.
„Er ist einfach überall ein kleines bisschen“, sagte sie zufrieden und steckte sich eine nasse Locke hinters Ohr.
Als die Sonne tiefer sank, wurden die Farben am Himmel blasser, bis der Regenbogen ganz verschwand. Runa winkte ihm zum Abschied nach.
Drinnen, warm eingekuschelt im Bett, erzählte sie Mama von den kleinen Regenbogen im Gras. „Man muss ihn gar nicht fangen“, murmelte sie schon halb im Schlaf. „Man muss ihn nur finden.“
Mama küsste sie auf die Stirn und machte das Licht aus. Draußen tropfte noch leise der letzte Regen von den Blättern, während Runa von bunten Farben träumte.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Runa zuerst gemacht, als sie den Regenbogen gesehen hat?
- Was hat Runa im nassen Gras entdeckt?
- Warum konnte Runa den Anfang des Regenbogens nicht finden?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal einen Regenbogen gesehen? Wo war das?
- Wann hast du etwas Schönes ganz aus der Nähe angeschaut?
- Wie riecht es bei dir draußen, wenn es geregnet hat?
Was wäre, wenn …?
- Was würdest du machen, wenn du einen Regenbogen berühren könntest?
- Wovon träumt Runa wohl in dieser Nacht?




