Zum Inhalt springen
Zwei Mädchen knien im Garten und vergraben einen grauen Stein in einem Blumentopf

GESCHICHTE

Der Stein für Lara

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 7-9 Jahre
0

Fine streckte Lara den Stift hin. „Schreib du den nächsten Satz“, murmelte sie, ohne aufzuschauen. Die beiden saßen nebeneinander am Küchentisch, die Hefte aufgeschlagen, draußen rauschte der Regen gegen das Fenster.

Dann sagte Lara: „Wir ziehen nach München. In sechs Wochen.“

Fine hörte auf zu schreiben. Der Stift blieb einfach in ihrer Hand, mitten in der Luft. Sie schaute nicht hoch. Draußen tippelte der Regen weiter, als wäre gar nichts passiert.

„Fine?“ Laras Stimme klang komisch, ein bisschen zu hoch.

Fine legte den Stift hin. Stand auf. Schob den Stuhl zurück. Nahm ihre Tasche. Und ging.

Sie verabschiedete sich nicht.

In der Schule am nächsten Tag suchte Fine einen anderen Platz. Den ganz hinten links, wo sie nie saß. Sie stellte ihre Tasche so hin, dass der Stuhl daneben besetzt wirkte. Lara schaute einmal zu ihr rüber, dann ein zweites Mal. Beim dritten Mal schaute Fine zur Wand.

Lara kam trotzdem her, am Dienstag. „Fine, ich—“

„Ich muss noch was fertig machen.“ Fine öffnete ihr Heft, obwohl es nichts drinstand, was fertig werden musste.

Am Mittwoch versuchte es Lara noch einmal, beim Rausgehen. Sie tippte Fine leicht an die Schulter. Fine zog den Arm weg. Lara blieb kurz stehen. Dann drehte sie sich um und ging den anderen Weg.

Danach versuchte sie es nicht mehr.

Zu Hause rührte Fine das Abendessen nicht an. Das Kartoffelpüree wurde kalt, die Erbsen rollten träge durch die weiße Masse.

Mama setzte sich ihr gegenüber. „Du isst gar nichts, mein Schatz.“

„Ich hab keinen Hunger.“

Mama schwieg eine Weile. „Ist was mit Lara?“

Fine drückte die Gabel in das Püree. „Sie zieht ja sowieso weg. Da ist es besser so.“

„Besser wie?“

„Ich will, dass sie einfach geht.“ Fine schaute nicht hoch. „Bevor’s wehtut.“

Mama nickte langsam, als ob sie das verstand. Sie räumte nichts weg, sagte nicht, dass Fine essen sollte. Sie fragte nur, ganz leise: „Was würdest du dir wünschen, wenn du gehen müsstest?“

Fine zuckte mit den Schultern. Aber die Frage blieb.

Nachts konnte Fine nicht schlafen. Sie lag auf dem Rücken und starrte an die Decke, wo der Schatten des Vorhangs sich leise bewegte. Die Frage saß irgendwo hinter ihren Rippen und ließ sich nicht wegdrücken.

Irgendwann stand sie auf. Zog die Jacke über den Schlafanzug. Schlich durch die Küche, schob die Terrassentür auf, so leise sie konnte.

Draußen war alles blau und silbern. Der Mond hing groß über dem Garten, und hinter der Hecke plätscherte der Bach, ganz nah, ganz ruhig. Fine ging barfuß durch das kühle Gras, das ihre Fußsohlen feucht machte, und drückte sich durch die Lücke in der Hecke.

Hier saßen sie immer. Sie und Lara. Auf dem flachen Stein am Ufer, die Füße manchmal ins Wasser, manchmal einfach nur die Stimmen in der Luft.

Fine kniete sich hin und tastete durch das nasse Geröll am Ufer. Die Steine waren kalt unter ihren Fingern, glatt vom Wasser, manche rau. Sie nahm einen auf, legte ihn weg. Nahm den nächsten. Zu klein. Zu eckig.

Dann fand sie ihn.

Er war flach und passte genau in ihre Hand. Grau mit einem einzigen hellen Strich quer durch die Mitte, gerade und ruhig wie ein Atemzug. Fine schloss die Finger darum. Er war kühl, fast kalt, und so glatt, dass sie ihn gar nicht loslassen wollte.

Sie saß lange am Bach, das Plätschern um sie herum, den Mond auf dem Wasser. Und langsam, ganz langsam, wusste sie, was sie tun wollte.

Laras Abschiedsfeier war am Samstag.

Fine hatte nicht geantwortet. Die Einladung lag auf ihrem Schreibtisch, unberührt seit vier Tagen. Mama und Papa fragten nichts mehr, aber Fine spürte ihre Blicke beim Frühstück.

Am Samstag stand sie früh auf. Zog sich an. Steckte den Stein in die Hosentasche.

„Du gehst hin?“, fragte Mama, als sie Fine mit Jacke in der Diele sah.

Fine nickte.

Mama sagte nichts weiter. Aber sie lächelte kurz, so ein kleines, echtes Lächeln.

Laras Garten war voller Stimmen. Kinder rannten herum, irgendwo lief Musik, jemand lachte sehr laut. Fine blieb kurz am Gartentor stehen und schluckte. Der Stein lag schwer in ihrer Tasche.

Dann sah sie Lara.

Lara stand etwas abseits, hielt einen Plastikbecher in beiden Händen und schaute auf die Wiese. Als sie Fine entdeckte, weiteten sich ihre Augen kurz. Sie machte einen Schritt, dann noch einen, und blieb vor ihr stehen.

Beide sagten zuerst nichts. Um sie herum lachten die anderen, jemand schrie „Fang mich!“, die Musik schwoll an und wieder ab.

Fine griff in die Tasche und holte den Stein heraus. Sie hielt ihn Lara hin, ohne etwas zu sagen.

Lara betrachtete ihn. Die helle Linie quer durch die Mitte. Sie streckte die Hand aus und berührte sie mit dem Zeigefinger.

„Komm mal mit“, sagte Fine.

Sie gingen zusammen an den Rand des Gartens, dorthin, wo Laras Mutter die alten Blumentöpfe stehen hatte. Einer davon, ein großer roter aus Ton, würde nicht mitgenommen. Der ist zu schwer zum Transportieren.

Fine kniete sich hin. „Hilf mir.“

Lara kniete sich daneben. Zusammen gruben sie mit den Fingern ein kleines Loch in die dunkle, feuchte Erde. Fine legte den Stein hinein, die helle Linie nach oben. Lara drückte die Erde wieder drüber, erst vorsichtig, dann fest.

Die Erde war kalt unter ihren Nägeln. Es roch nach feuchtem Laub und Regen.

„Wenn ich dich besuche“, sagte Lara leise, „holen wir ihn raus.“

„Und wenn ich dich besuche, kommt er mit.“ Fine klopfte die Erde glatt.

Sie blieben kurz so hocken, beide die Hände auf dem Blumentopf. Dann standen sie auf und umarmten sich, einmal, kurz und fest. Nicht so wie Leute umarmen, die sich lang nicht gesehen haben. So wie Leute umarmen, die gleich lang wegbleiben werden.

Laras Mutter rief von der Terrasse, ob jemand Kuchen wolle. Die Feier rauschte weiter um sie herum.

Beim Abschied, ganz am Ende, als die anderen schon gegangen waren und Fines Papa am Tor wartete, nahm Lara Fines Hand kurz in beide Hände.

„Ich nehm den Stein nicht mit“, flüsterte sie. „Er bleibt hier. Mit dir.“

Fine nickte. Ihre Kehle war zu eng für Wörter.

Sie winkte einmal. Dann ging sie.

Zuhause saß Fine am Fenster ihres Zimmers. Es war schon fast dunkel. Irgendwo hinter der Hecke plätscherte der Bach, man konnte es gerade noch hören, wenn alles still war.

Mama kam rein und setzte sich auf die Bettkante. „Es tut weh, oder?“

Fine nickte.

„Aber jetzt habt ihr was Gemeinsames, das nicht verschwindet.“ Mama legte kurz die Hand auf Fines Schulter, warm und schwer.

Fine zog die Decke hoch. Legte sich auf die Seite. Draußen schlich sich der Mond hinter die Wolken, und der Bach plätscherte leise weiter, genau so wie immer.

Sie schloss die Augen. Und lächelte einmal kurz.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Warum hat Fine nach Laras Nachricht einfach ihre Tasche genommen und ist gegangen?
  • Was hat Fine nachts am Bach gesucht und warum war dieser Stein so besonders für sie?
  • Was haben Fine und Lara mit dem Stein am Ende gemacht?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Hast du schon mal jemanden verloren, der dir wichtig war? Was hast du da gefühlt?
  • Wie würdest du dich fühlen, wenn deine beste Freundin plötzlich wegziehen würde?
  • Hast du etwas, das dich an jemanden erinnert? Was ist das und warum ist es wichtig?
Was wäre, wenn …?
  • Was meinst du, wie fühlt sich Fine am nächsten Tag nach dem Abschied?
  • Stell dir vor, Lara kommt nach einem Jahr zu Besuch. Was passiert dann mit dem Stein?

Hat dir die Geschichte gefallen?





5,0 / 5  ·  1 Bewertung

Anmelden damit deine Bewertung gespeichert bleibt

Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.