„Aber es ist doch noch ganz hell!“, rief Edda und stampfte mit dem nackten Fuß auf. „Ich bin überhaupt nicht müde.“
Es war Sommer, und die Sonne ging erst spät schlafen. Draußen war der Himmel noch goldgelb, obwohl es längst Schlafenszeit war. Wie sollte man da müde werden?
Mama setzte sich nicht hin und schimpfte. Sie streckte Edda die Hand hin. „Weißt du was? Bevor du ins Bett gehst, machen wir noch eine Gute-Nacht-Runde. Durch den ganzen Garten. Komm.“
Eine Gute-Nacht-Runde? Das klang besser als sofort ins Bett. Edda nahm Mamas Hand.
Draußen war die Luft jetzt kühler. Sie roch nach warmem Gras und nach den Blumen, die am Abend am stärksten dufteten.
„Gute Nacht, Schaukel“, sagte Mama und tippte die Schaukel an, die ganz langsam ausschwang.
Edda kicherte. „Gute Nacht, Schaukel.“ Sie gingen weiter. „Gute Nacht, Sandkasten. Gute Nacht, Gießkanne. Gute Nacht, dicke Tomaten.“
Hoch oben am Himmel flitzten kleine Vögel und riefen schrill. „Das sind die Mauersegler“, flüsterte Mama. „Die jagen noch ein paar Mücken, bevor sie schlafen gehen.“
Edda schaute ihnen nach, wie sie immer höher kreisten, bis sie nur noch winzige Punkte waren.
Es wurde stiller. Aus dem Apfelbaum sang noch eine Amsel ihr Abendlied, ganz weich und ein bisschen verschlafen. Dann hörte auch sie auf.
„Schau“, sagte Mama leise und zeigte nach oben.
Der Himmel war jetzt nicht mehr golden, sondern dunkelblau wie Tinte. Und da, ganz allein, blinkte der erste Stern.
„Der allererste“, flüsterte Edda. Sie traute sich kaum, laut zu sprechen, so still war es geworden.
„Wenn man den ersten Stern sieht, darf man sich etwas wünschen“, sagte Mama.
Edda machte die Augen zu und wünschte sich ganz fest etwas. Was, das verriet sie nicht. Sonst geht es ja nicht in Erfüllung.
Als sie wieder hineingingen, gähnte Edda. Komisch. Eben war sie noch gar nicht müde gewesen. Jetzt waren ihre Augenlider auf einmal ganz schwer.
Mama half ihr in den Schlafanzug. Das Bett war kühl und weich. Durchs offene Fenster wehte die Abendluft herein und brachte den Duft des Gartens mit.
„Gute Nacht, Edda“, sagte Mama und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Gute Nacht, Mama“, murmelte Edda. „Gute Nacht, Schaukel. Gute Nacht, Mauersegler. Gute Nacht, kleiner Stern …“
Ihre Stimme wurde immer leiser. Draußen wurde es endlich ganz dunkel, und die Sterne kamen einer nach dem anderen heraus, als gingen auch sie jetzt schlafen.
Und Edda, mit dem Duft von Sommer in der Nase und einem Wunsch im Herzen, schlief tief und fest ein.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Edda mit ihrer Mama draußen im Garten gemacht?
- Welche Tiere haben Edda und ihre Mama am Abend gesehen?
- Wie hat sich Edda am Ende der Geschichte gefühlt?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Wann fällt es dir schwer, ins Bett zu gehen?
- Was riechst und hörst du abends, wenn du draußen bist?
- Was machst du gerne mit deiner Mama oder deinem Papa vor dem Schlafengehen?
Was wäre, wenn …?
- Was könnte Edda sich beim ersten Stern gewünscht haben?
- Was würdest du alles in deinem Garten Gute Nacht sagen?




