Es war so heiß, dass die Luft ganz still stand.
Nila lag im Schatten auf der Terrasse und mochte gar nichts mehr. Zum Spielen war es zu heiß. Zum Toben war es zu heiß. Sogar zum Eisessen war es zu heiß – das Eis tropfte schneller, als sie schlecken konnte.
„Mir ist so warm“, quengelte Nila. „Und langweilig. Und alles ist doof.“
Mama saß neben ihr und fächelte sich mit einer Zeitung Luft zu. „Schau mal zum Himmel“, sagte sie.
Über den Bäumen hatte sich der Himmel verändert. Dicke, dunkelgraue Wolken schoben sich heran. Es wurde auf einmal ganz dunkel, fast wie am Abend, obwohl es noch Nachmittag war.
„Oh nein“, sagte Nila. „Jetzt regnet’s auch noch. Dann ist der Tag ganz kaputt.“
Ein erster Tropfen fiel. Platsch, auf die heißen Steine. Dann noch einer. Und dann öffnete der Himmel seine Schleusen.
Aber es war kein kalter Regen. Es war warmer Sommerregen, dick und weich, und er prasselte herrlich auf die ausgetrocknete Erde. Sofort roch es überall wunderbar – nach nasser Erde, nach Staub und Blättern und Sommer.
Nila streckte vorsichtig die Hand aus dem Schatten. Die Tropfen waren warm. Kein bisschen kalt.
„Darf ich … darf ich raus?“, fragte Nila.
Mama lächelte. „Worauf wartest du noch?“
Nila sprang auf und rannte mitten in den Regen hinein. Die warmen Tropfen kitzelten auf ihrer Haut. Ihr Kleid klebte, ihre Haare tropften, und es war das schönste Gefühl der Welt.
Sie drehte sich im Kreis. Sie streckte die Zunge raus und fing Tropfen. Sie sprang in die Pfützen, die sich überall bildeten – platsch, platsch, platsch! Und dann kam auch Mama heraus, barfuß, und drehte sich mit ihr im Kreis, und beide lachten, bis ihnen die Puste ausging.
So schnell, wie er gekommen war, hörte der Regen wieder auf. Die Sonne brach durch die Wolken. Und da –
„Mama, schau!“, rief Nila und zeigte zum Himmel.
Über dem ganzen Garten spannte sich ein Regenbogen. Rot, gelb, grün, blau – ein riesiger, leuchtender Bogen, so nah, dass es aussah, als endete er gleich hinter dem Apfelbaum.
Nila stand mit offenem Mund da, ganz nass und ganz glücklich. „Der schönste Tag“, flüsterte sie. „Und vorhin dachte ich noch, er wäre kaputt.“
Überall glitzerten jetzt die Tropfen an den Blättern. Aus der Erde krochen Schnecken hervor und reckten ihre Fühler. Die Luft war kühl und frisch und leicht.
Am Abend, frisch geduscht und in ihren weichen Schlafanzug gekuschelt, roch Nila durchs offene Fenster noch immer den Regen.
„Schläfst du gut?“, fragte Mama. Nila nickte schon halb im Traum.
In ihrem Kopf drehte sie sich noch einmal im warmen Regen, unter dem großen, bunten Bogen. Und dann schlief sie ein, glücklich bis in die Zehenspitzen.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Nila am Anfang gestört?
- Was ist passiert, als der Regen kam?
- Was hat Nila am Himmel gesehen, nachdem der Regen aufgehört hat?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Warst du auch schon mal im Sommerregen? Wie hat sich das angefühlt?
- Was machst du, wenn dir ein Tag erst richtig doof vorkommt?
- Hast du schon mal einen Regenbogen gesehen? Erzähl mal davon!
Was wäre, wenn …?
- Was würdest du machen, wenn du jetzt gerade im warmen Regen stehen könntest?
- Stell dir vor, Nila hätte sich nicht getraut rauszugehen. Was wäre dann passiert?




