„Mir ist langweilig“, stöhnte Linn und ließ sich aufs Sofa fallen. „Mir ist sooo langweilig.“
Es war der erste Tag der Sommerferien. Sechs Wochen frei. Linn hatte sich das herrlich vorgestellt. Aber jetzt war es elf Uhr morgens, draußen viel zu heiß, ihre beste Freundin Marie ans Meer gefahren, und Linn wusste nicht, was sie machen sollte.
„Mama, mir ist langweilig.“
Mama saß am Küchentisch und sortierte Fotos. „Das ist gar nicht schlimm“, sagte sie und lächelte. „Aus Langeweile sind schon die besten Sachen entstanden.“
„Aber ich weiß nicht, was ich SPIELEN soll“, jammerte Linn.
„Tja“, sagte Mama. „Da musst du wohl was erfinden. Im Schuppen steht übrigens noch der große Karton vom neuen Kühlschrank.“
Linn verdrehte die Augen. Ein Karton. Wie langweilig.
Sie schlich in den Garten. Die Sonne brannte. Die Grillen zirpten so laut, dass es in den Ohren summte. Linn setzte sich in den Schatten der großen Hecke und stocherte mit einem Stock in der Erde.
Aber dann, weil ihr eben nichts Besseres einfiel, holte sie den Karton doch aus dem Schuppen. Er war riesig. Größer als sie selbst.
Linn kletterte hinein. Es war kühl und dunkel und roch nach Pappe. Wenn sie die Klappe zumachte, kam nur ein dünner Lichtstreifen herein.
„Das ist ein U-Boot“, sagte Linn plötzlich laut. „Nein. Ein Forschungsschiff.“
Und auf einmal ging alles ganz schnell. Sie malte mit einem Filzstift ein rundes Bullauge an die Seite. Sie schnitt aus einem Deckel ein Steuerrad. Eine alte Picknickdecke wurde zum Segel. Der Gartenschlauch wurde zum Periskop. Und Mamas alter Sonnenhut wurde zur Kapitänsmütze.
Linn war jetzt Kapitänin Linn, Entdeckerin der wilden Gärten.
Die Hecke am Ende des Gartens war kein Gebüsch mehr. Sie war ein gefährlicher Dschungel. Linn robbte mit einem Fernrohr aus Klopapierrollen durchs hohe Gras. Sie überquerte einen reißenden Fluss (den Sandkasten). Sie bezwang einen steilen Berg (den Komposthaufen).
Und dann, ganz hinten, wo die Hecke am dichtesten war, entdeckte Kapitänin Linn etwas, das sie noch nie bemerkt hatte: ein Loch. Eine kleine Lücke zwischen den Zweigen, gerade groß genug für ein Kind.
Linn steckte den Kopf hindurch. Auf der anderen Seite war der Nachbargarten. Und dort, mitten auf einer Wiese, stand ein Junge in ihrem Alter und schaute sie genauso überrascht an wie sie ihn.
„Wer bist du denn?“, fragte der Junge.
„Kapitänin Linn“, sagte Linn. „Entdeckerin. Und du?“
„Samu“, sagte der Junge. „Wir sind erst letzte Woche eingezogen.“ Er schaute durch die Lücke auf den Karton mit dem Bullauge, das Periskop, das Segel. Seine Augen wurden groß. „Ist das ein Schiff?“
„Ein Forschungsschiff“, sagte Linn stolz. „Willst du mitkommen? Ich brauch noch einen ersten Maat.“
Samu musste nicht lange überlegen. Er zwängte sich durch die Lücke.
Den ganzen Nachmittag segelten die beiden durch die wilden Gärten. Sie bauten dem Schiff einen Anker aus einem Blumentopf. Sie entdeckten eine echte Kröte unter dem Komposthaufen und tauften sie Käpt’n Schleim. Sie tranken Limonade an Deck, und ihr Lachen schallte über beide Gärten.
Als die Sonne tief stand, rief Mama aus dem Fenster: „Linn? Essen!“
Linn schaute überrascht hoch. War es schon Abend? Der langweiligste Tag der Welt war einfach so verschwunden.
„Kommst du morgen wieder?“, fragte Samu durch die Lücke.
„Klar“, sagte Linn. „Ein Forschungsschiff braucht schließlich seine Mannschaft.“
Beim Abendessen erzählte Linn ohne Punkt und Komma. Von der Kröte, von der Lücke, von Samu, vom reißenden Fluss. Mama hörte zu und sagte kein einziges Mal „Hab ich’s dir nicht gesagt“. Sie lächelte nur in sich hinein.
Später lag Linn in ihrem Bett. Durchs offene Fenster hörte sie die Grillen, leiser jetzt. Auf dem Stuhl lag Mamas Sonnenhut, ihre Kapitänsmütze, bereit für morgen.
Linn dachte an all die Abenteuer, die noch in dem großen Karton steckten. Sechs Wochen Ferien – auf einmal kamen sie ihr viel zu kurz vor.
Und mit diesem Gedanken segelte sie hinüber in den Schlaf, das Periskop fest in der Hand.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Linn aus dem Karton gebastelt?
- Wen hat Linn hinter der Hecke entdeckt?
- Warum fand Linn den Tag am Ende gar nicht mehr langweilig?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Wann war dir schon mal richtig langweilig? Was hast du dann gemacht?
- Was baust oder bastelst du am liebsten, wenn du draußen spielst?
- Hast du auch schon mal etwas Spannendes in deiner Umgebung entdeckt?
Was wäre, wenn …?
- Auf welche Reise könnte das Forschungsschiff als nächstes gehen?
- Was würdest du aus einem großen Karton bauen?




