Suvi stand hinter dem Vorhang, und ihr Herz klopfte bis zum Hals.
Heute war Sommerfest im Kindergarten. Im Garten standen lange Tische mit Kuchen, bunte Wimpel flatterten zwischen den Bäumen, und ganz viele Eltern saßen auf Stühlen vor der kleinen Bühne. Gleich sollte Suvis Gruppe das Sonnenlied singen. Wochenlang hatten sie geübt.
„Bist du auch so aufgeregt?“, flüsterte ihre Freundin Nour neben ihr.
Suvi nickte. Mehr ging nicht. Ihr Mund war ganz trocken.
Dann zog Frau Yilmaz den Vorhang zur Seite. Die Sonne blendete. So viele Gesichter! So viele Augen, die alle zu Suvi schauten!
Die Musik begann. Die anderen Kinder fingen an zu singen: „Die Sonne, die lacht …“ Aber aus Suvi kam kein einziger Ton heraus.
Ihre Beine fühlten sich an wie Pudding. In ihrem Bauch flatterte es. Sie wollte nur noch weg, runter von der Bühne, zu Mama. Sie suchte Mama in der Menge – und sah sie ganz hinten, wie sie Suvi zulächelte und winkte.
Aber der Weg dorthin kam Suvi so weit vor wie tausend Kilometer. Ihre Augen wurden heiß. Gleich würde sie weinen. Vor allen Leuten.
Da spürte sie etwas. Eine kleine, warme Hand, die ihre nahm und fest drückte. Es war Nour.
„Wir singen einfach zusammen“, flüsterte Nour. „Nur du und ich. Ganz leise.“ Und Nour begann zu summen, ganz leise, nur für Suvi. „Mmmh, die Sonne, die lacht …“
Suvi schaute Nour an. Sie hielt ihre Hand ganz fest. Und dann, ohne dass sie genau wusste wie, kam ein kleiner Ton aus ihr heraus. Dann noch einer. „… sie scheint für dich und mich.“
Erst leise. Dann ein bisschen lauter. Und auf einmal sang Suvi mit. Richtig. Laut.
Die trockene Angst war weg. Singen fühlte sich gut an! Es kitzelte im Bauch, aber jetzt war es ein schönes Kitzeln. Suvi sang aus vollem Hals, und Nour neben ihr lachte beim Singen.
Als das Lied zu Ende war, klatschten alle. Ganz laut. Mama klatschte am allerlautesten und hatte Tränen in den Augen, aber sie lächelte dabei.
Suvi strahlte. Sie hatte es geschafft. Sie hatte vor allen Leuten gesungen! „Nochmal!“, rief Suvi. „Können wir es nochmal singen?“
Frau Yilmaz lachte. „Beim nächsten Fest, versprochen.“
Später saß Suvi mit einem riesigen Stück Erdbeerkuchen auf Mamas Schoß. Die Wimpel flatterten, die Sonne wärmte, und in ihrer Hand hielt sie immer noch Nours Hand.
Am Abend, im Bett, summte Suvi das Sonnenlied noch einmal ganz leise vor sich hin. „Die Sonne, die lacht …“
„Du hast wunderschön gesungen“, sagte Mama und gab ihr einen Kuss.
Suvi kuschelte sich in die Decke. Ihr Bauch kitzelte noch ein bisschen – diesmal vor lauter Stolz. Und mit dem Sonnenlied auf den Lippen schlief sie ein.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Suvi am Anfang gefühlt, als sie auf der Bühne stand?
- Wer hat Suvi geholfen, als sie nicht singen konnte?
- Was hat sich verändert, nachdem Nour Suvis Hand genommen hat?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Kennst du das Gefühl, wenn dein Bauch vor Aufregung flattert?
- Was hilft dir, wenn du dich vor etwas fürchtest?
- Wer steht dir zur Seite, wenn du etwas Schwieriges machen musst?
Was wäre, wenn …?
- Was wäre passiert, wenn Nour nicht neben Suvi gestanden hätte?
- Wie könnte das nächste Fest im Kindergarten aussehen?




