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Junge und kleine Schwester mit selbstgebautem Floß an einem sonnigen Bach, Enten im Wasser

GESCHICHTE

Das Floß am Bach

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Marek zog den letzten Knoten fest und richtete sich stolz auf. „Fertig. Das beste Floß, das je auf diesem Bach geschwommen ist.“

Den ganzen Vormittag hatten Marek und seine kleine Schwester Juno am Ufer gewerkelt. Sie hatten dicke Äste gesammelt und sie mit Papas alter Wäscheleine zusammengebunden. Der Bach gluckerte friedlich vor ihnen, flach und klar, mit kühlem Wasser über glatten Kieseln.

„Ich steuere“, sagte Marek sofort. „Ich bin älter.“

„Und ich?“, fragte Juno.

„Du darfst zugucken.“ Juno verschränkte die Arme, sagte aber nichts.

Gemeinsam schoben sie das Floß ins Wasser. Es schaukelte. Es trieb. Es schwamm! „Es schwimmt!“, jubelten beide.

Marek kletterte vorsichtig drauf. Das Floß sank ein Stück. Dann kletterte er ganz hinauf – und das Floß kippte zur Seite und ging unter. Platsch! Marek saß mitten im kalten Bach, klatschnass, das Wasser bis zum Bauch.

Juno prustete los vor Lachen.

„Lach nicht!“, schimpfte Marek und spuckte Wasser. „Das Floß ist kaputt.“

„Es ist nicht kaputt“, sagte Juno ruhig. „Es ist nur zu schwer.“

„Was weißt du schon“, brummte Marek. Er zerrte das tropfende Floß ans Ufer und band die Äste noch fester. „Jetzt hält es.“ Wieder schob er es ins Wasser. Wieder kletterte er drauf. Wieder – platsch. Unter.

Marek saß zum zweiten Mal im Bach. Diesmal lachte Juno nicht. Sie hockte am Ufer und schaute nachdenklich aufs Wasser.

„Marek“, sagte sie. „Guck mal die Enten.“

„Was haben Enten mit meinem Floß zu tun?“, knurrte Marek.

„Die sind nicht schwer und schwimmen oben“, sagte Juno. „Und die leeren Flaschen aus unserem Picknick – die schwimmen auch oben. Ich hab’s gesehen.“

Marek wollte schon wieder „Was weißt du schon“ sagen. Aber dann hielt er inne. Er schaute auf die zwei leeren Plastikflaschen neben dem Picknickkorb. Er schaute auf das Floß. Und langsam dämmerte ihm, was Juno meinte.

„Luft“, sagte er leise. „In den Flaschen ist Luft. Die hält oben.“

Juno strahlte. „Genau!“

Zum ersten Mal an diesem Tag arbeiteten die beiden wirklich zusammen. Juno hielt die fest verschlossenen Flaschen unter die Äste, und Marek band sie mit der Leine fest – vier Flaschen, an jeder Ecke eine. Junos Finger waren geschickter für die kleinen Knoten. Mareks Arme waren stärker zum Festziehen.

„Und jetzt machen wir es anders“, sagte Juno. „Nicht beide gleichzeitig drauf. Einer hält das Floß fest, einer steigt vorsichtig auf.“

Marek nickte. Diesmal widersprach er nicht.

Sie schoben das Floß ins Wasser. Es schwamm hoch und leicht, viel höher als vorher. Juno hielt es fest. Marek stieg vorsichtig auf, ganz langsam, und setzte sich genau in die Mitte. Das Floß wackelte. Aber es sank nicht.

„Es trägt mich!“, flüsterte Marek, als traue er sich kaum, es laut zu sagen.

„Festhalten!“, rief Juno und ließ los. Das Floß glitt den flachen Bach hinunter, getragen vom klaren Wasser, vorbei an den staunenden Enten. Marek lachte und ruderte mit einem Stock. Juno lief am Ufer mit und klatschte.

Dann tauschten sie. Juno fuhr, und Marek hielt und schob an. Sie fuhren den ganzen Nachmittag, mal der eine, mal die andere, bis ihre Lippen vom Wasser ganz kühl waren und die Sonne golden zwischen den Bäumen hing.

Als sie das Floß am Abend ans Ufer zogen, sagte Marek: „Das mit den Flaschen war eine richtig gute Idee, Juno.“

Juno grinste. „Ich weiß.“

Auf dem Heimweg trugen sie das Floß zu zweit, jeder an einer Seite. Papa, der die ganze Zeit auf der Bank gesessen und Zeitung gelesen hatte, lächelte. „Schönes Floß“, sagte er. „Habt ihr ganz allein hingekriegt.“

„Zu zweit“, sagte Juno. „Zu zweit“, sagte Marek.

Im Bett roch Marek noch ein bisschen nach Bach und Sonnencreme. Er war müde bis in die Zehenspitzen. Morgen, dachte er, bauen wir ein Segel dran. Und Juno darf bestimmen, wo es hinkommt.

Dann zog der Schlaf ihn sanft hinunter, leicht und sicher, als läge er selbst auf einem Floß, das ihn ruhig den Bach hinabtrug.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Was haben Marek und Juno gemacht, damit das Floß nicht mehr untergeht?
  • Wie haben die beiden zusammengearbeitet, als sie die Flaschen festgebunden haben?
  • Warum ist Marek am Anfang zweimal ins Wasser gefallen?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Hast du schon mal etwas gebaut, das erst beim zweiten oder dritten Versuch geklappt hat?
  • Wann hat dir mal jemand geholfen, obwohl du dachtest, du schaffst es allein?
  • Wie fühlst du dich, wenn jemand über dich lacht, wenn dir etwas nicht gelingt?
Was wäre, wenn …?
  • Was für ein Segel würdest du für das Floß bauen?
  • Wohin würde das Floß fahren, wenn der Bach ganz lang wäre?

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.