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Zwei Geschwister im Auto schauen aus dem Fenster auf das glitzernde blaue Meer am Horizont

GESCHICHTE

Der lange Weg ans Meer

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„Sind wir bald da?“

Ronja hatte die Frage schon hundertmal gestellt. Vielleicht zweihundertmal. Das Auto stand im Stau, kein bisschen ging es vorwärts, und draußen flimmerte die Hitze über dem Asphalt.

„Noch zwei Stunden, Schatz“, sagte Mama vom Fahrersitz. „Mindestens.“

Zwei Stunden! Ronja stöhnte und ließ den Kopf gegen die Scheibe sinken. Neben ihr in seinem Kindersitz quengelte ihr kleiner Bruder Nils. „Mir ist heiß. Mir ist langweilig. Ich will AUSSTEIGEN.“

„Wir wollen alle ans Meer“, sagte Papa ruhig. „Aber dafür müssen wir da erst mal hinkommen.“

Nils fing an zu treten. Gegen Ronjas Sitz, bumm, bumm, bumm. Ronja wurde wütend. „Hör auf!“ – „Selber aufhören!“

Es war zum Verrücktwerden. Die längste, heißeste, langweiligste Autofahrt der Welt.

Ronja schaute aus dem Fenster. Nur Autos, Autos, Autos. Aber dann fiel ihr Blick auf ein knallblaues Auto drei Spuren weiter. Und auf einmal hatte sie eine Idee.

„Nils“, sagte sie. „Pass auf. Wir spielen ein Spiel. Wer zuerst zehn blaue Autos findet, hat gewonnen. Blaue zählen, weil – weil das die Farbe vom Meer ist.“

Nils hörte auf zu treten. „Blaue Autos?“

„Genau. Bereit? Los!“

Plötzlich klebten beide an den Fenstern. „Da, eins!“ – „Da hinten auch eins!“ – „Das ist grün, das zählt nicht!“ Sie zählten und stritten und lachten, und der Stau löste sich auf, ohne dass sie es überhaupt merkten.

Als sie bei zehn waren, hatte Nils gewonnen. (Ronja hatte ihm heimlich zwei geschenkt.)

„Noch eins!“, rief Nils. „Bitte!“

Diesmal erfand Ronja das Ich-packe-meinen-Koffer-Spiel. „Ich packe meinen Koffer und nehme mit: eine Sandschaufel.“

„Ich packe meinen Koffer“, sagte Nils ganz konzentriert, „und nehme mit: eine Sandschaufel und … und einen Hai!“

„Einen Hai?“, lachte Papa. „Im Koffer?“ – „Einen kleinen“, sagte Nils würdevoll.

Sie packten den Koffer voll mit den verrücktesten Sachen – eine Sandschaufel, einen Hai, ein Eis, Opas Hut, ein Krokodil, eine Qualle mit Sonnenbrille. Bei jeder Runde mussten sie alles von vorne aufzählen, und wer etwas vergaß, schied aus. Sie kicherten so sehr, dass Mama im Rückspiegel grinste.

Dann sangen sie. Erst „Alle meine Entchen“, dann ein Lied, das Ronja selbst erfand, über eine Möwe namens Manfred. Nils sang die Möwen-Schreie dazu: „Möp! Möp!“ Die Zeit verging auf einmal ganz schnell.

Und dann, mitten in einer Koffer-Runde, roch Ronja etwas. Etwas Neues. Etwas Salziges.

Sie kurbelte das Fenster ganz herunter und streckte die Nase hinaus. Die Luft roch anders. Frisch. Weit. „Ich glaub“, flüsterte Ronja, „ich glaub, ich riech das Meer.“

Alle wurden ganz still. Das Auto fuhr eine lange Straße einen Hügel hinan. Ronja hielt den Atem an.

Und dann, als sie oben ankamen, lag es vor ihnen: das Meer. Riesig und blau und glitzernd bis zum Horizont, übersät mit tausend Sonnenfunken.

„DAS MEER!“, schrien Ronja und Nils gleichzeitig, so laut, dass Papa fast erschrak.

Es war das Blau aus ihrem Spiel, nur tausendmal größer. Es war das Schönste, was Ronja je gesehen hatte. Und weil sie so lange darauf gewartet hatte, war es vielleicht noch ein bisschen schöner.

Den restlichen Weg zum Ferienhaus drückten beide die Nasen an die Scheibe und konnten den Blick nicht vom Wasser lösen.

Am Abend, nach dem ersten Planschen im Meer, lag Ronja todmüde in ihrem Ferienbett. Das Fenster stand offen, und sie hörte das leise Rauschen der Wellen in der Ferne. Nils war im Bett daneben schon eingeschlafen, einen Sandeimer im Arm.

„Ronja?“, flüsterte Mama von der Tür. „Das war eine ganz schön lange Fahrt heute, hm?“

„Mmh“, machte Ronja schläfrig. „Aber eigentlich … eigentlich war die Fahrt fast genauso schön wie das Meer.“

Mama lächelte und machte leise die Tür zu.

Ronja kuschelte sich ins Kissen. In ihrem Kopf zählte sie noch ein paar blaue Autos und packte einen Koffer mit einer Qualle mit Sonnenbrille, und ganz weit weg rauschte das Meer. Und dann, mit Sand zwischen den Zehen und Salz in den Haaren, schlief sie tief und glücklich ein.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Was hat Ronja gemacht, damit Nils im Auto aufhört zu quengeln?
  • Welche Spiele haben Ronja und Nils auf der Autofahrt gespielt?
  • Woran hat Ronja gemerkt, dass sie bald am Meer ankommen?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Warst du schon mal auf einer langen Autofahrt? Was hast du da gemacht?
  • Hast du schon mal jemandem geholfen, wenn er sich gelangweilt hat?
  • Worauf hast du dich schon mal so richtig gefreut wie Ronja auf das Meer?
Was wäre, wenn …?
  • Welche verrückten Sachen würdest du in deinen Koffer für das Meer packen?
  • Was machen Ronja und Nils wohl am nächsten Tag am Strand?

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.