Das Baumhaus war der beste Platz der Welt.
Ronen und sein Freund Bela hatten es im Sommer in der alten Eiche gebaut, mit Brettern, die der Nachbar nicht mehr brauchte. Es hatte eine Strickleiter, ein Fenster ohne Glas und ein Schild, auf dem stand: GEHEIMER KLUB.
„Klubregel Nummer eins“, sagte Ronen feierlich, als sie oben saßen und Kekse aßen. „Nur Ronen und Bela dürfen rein. Keine kleinen Kinder.“
„Genau“, sagte Bela und nickte.
Genau in diesem Moment erschien unten am Baum ein Kopf mit zwei Zöpfen. Es war Lotti, Ronens kleine Schwester. „Ich will auch rein!“, rief sie nach oben. „Bitte, Ronen!“
„Geht nicht“, rief Ronen runter. „Du bist zu klein. Klubregel Nummer eins.“
Lotti stemmte die Hände in die Hüften. „Ich bin nicht zu klein! Ich bin fünf!“
„Zu klein“, sagte Ronen bestimmt und zog die Strickleiter hoch.
Lotti stampfte mit dem Fuß. Dann drehte sie sich um und ging mit hängenden Schultern zurück zum Haus. Ronen spürte ein kleines, ungutes Ziepen im Bauch. Aber ein Klub war eben ein Klub.
Den ganzen Nachmittag spielten Ronen und Bela im Baumhaus. Sie waren Piraten, dann Forscher, dann Geheimagenten. Es war herrlich.
Doch dann passierte das Missgeschick. Beim Herumtollen stieß Bela gegen die Schatzkiste – und Ronens funkelnde Lieblingsmurmel kullerte über den Boden, durch einen schmalen Spalt zwischen zwei Brettern, und – plopp – fiel sie hinunter in ein dunkles Loch im Stamm der alten Eiche.
„Meine Murmel!“, rief Ronen.
Sie spähten in das Loch. Es war tief und eng und stockdunkel. Ronen versuchte, seinen Arm hineinzuzwängen, aber er kam nur bis zum Ellenbogen. Bela probierte es auch. Keine Chance. Ihre Arme waren viel zu dick.
„Die ist für immer weg“, sagte Ronen traurig.
„Vielleicht“, sagte eine Stimme von unten, „kann ich ja helfen?“
Es war Lotti. Sie war zurückgekommen und stand wieder am Fuß des Baumes.
Ronen wollte schon „Nein“ sagen. Aber dann schaute er auf seine dicken Arme. Und dann auf Lottis kleine, dünne Ärmchen. Er seufzte. Dann ließ er die Strickleiter herunter. „Komm hoch, Lotti.“
Lottis Augen wurden ganz groß. Vorsichtig kletterte sie die Leiter hinauf, zum allerersten Mal, und schaute sich staunend im Baumhaus um. „Boah“, flüsterte sie.
„Da unten ist meine Murmel reingefallen“, erklärte Ronen. „Wir kommen nicht ran.“
Lotti krempelte den Ärmel hoch. Sie steckte ihren dünnen Arm in das dunkle Loch, tiefer und tiefer, bis ihre Schulter am Holz war. Sie tastete und tastete – und dann strahlte sie. „Ich hab was!“
Langsam zog sie den Arm heraus. In ihrer kleinen Faust lag nicht nur Ronens Murmel. Da waren noch zwei alte Münzen, ein winziger Schlüssel und eine verrostete Pfeife.
„Ein Schatz!“, riefen Bela und Ronen gleichzeitig.
„Ein echter Schatz“, flüsterte Lotti.
Sie legten alles auf das Brett und bestaunten es. Ohne Lotti wäre der Schatz für immer im dunklen Loch geblieben.
Ronen schaute seine kleine Schwester an. Sie war wirklich gut darin gewesen. Und irgendwie machte das Baumhaus gerade viel mehr Spaß, jetzt, wo sie zu dritt waren.
„Bela“, sagte Ronen. „Ich glaub, wir brauchen eine neue Klubregel.“
Bela grinste. „Welche denn?“
Ronen nahm das Schild und kritzelte etwas dazu. Jetzt stand da: GEHEIMER KLUB – FÜR RONEN, BELA UND LOTTI. „Klubregel Nummer eins“, sagte er feierlich. „Lotti ist die offizielle Schatzfinderin.“
Lotti machte einen kleinen Hüpfer vor Freude.
Den restlichen Nachmittag teilten sie sich die Kekse zu dritt, polierten den Schatz und beschlossen, dass die Pfeife ab jetzt das offizielle Klub-Signal war. Lotti durfte hineinpusten. Es klang schrecklich schief, und alle mussten lachen.
Als es dämmerte, kletterten sie hinunter, müde und glücklich. Lotti hielt die ganze Zeit Ronens Hand.
Im Bett lag Ronen und drehte seine wiedergefundene Murmel im letzten Tageslicht. Sie funkelte rot und blau. Nebenan hörte er Lotti leise vor sich hin summen, immer noch ganz aufgeregt von ihrem ersten Tag im Klub.
Ronen lächelte. Das Baumhaus war schon vorher der beste Platz der Welt gewesen. Aber heute, zu dritt, war es irgendwie noch ein bisschen besser geworden.
Und mit der funkelnden Murmel in der Hand schlief Ronen zufrieden ein.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Warum wollte Ronen am Anfang nicht, dass Lotti ins Baumhaus kommt?
- Was ist mit Ronens Murmel passiert?
- Wie hat Lotti den Kindern geholfen?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal etwas verloren, das dir wichtig war?
- Warst du auch schon mal traurig, weil du irgendwo nicht mitmachen durftest?
- Wann hast du mal Hilfe von jemandem bekommen, den du erst nicht dabeihaben wolltest?
Was wäre, wenn …?
- Was glaubst du, welche Abenteuer erleben die drei als Nächstes im Baumhaus?
- Stell dir vor, du findest auch einen Schatz. Was ist alles drin?




