Henk saß ganz hinten auf der Verandastufe, so weit weg vom Feuer, wie es nur ging.
Im Garten wurde es langsam dunkel. Opa hatte in der Feuerschale Holz aufgeschichtet, und jetzt knisterten die ersten Flammen darin. Sie leckten orange und gelb in die Abendluft. Funken stoben nach oben und verschwanden zwischen den ersten Sternen.
„Stockbrot!“, rief Henks Cousin Konrad und schwenkte einen langen Stock. „Ich mach das schnellste Stockbrot der Welt!“
Alle lachten. Nur Henk nicht. Er fand das Feuer nicht schön. Er fand es laut. Es fauchte und spuckte, und manchmal sprang ein Funke heraus, als wollte er nach einem schnappen.
„Henk, kommst du nicht?“, fragte Opa.
„Ich kann von hier gut zugucken“, sagte Henk leise und zog die Knie an.
Opa setzte sich nicht zu den anderen. Er setzte sich zu Henk auf die Stufe. „Das Feuer macht dir ein bisschen Angst, hm?“
Henk nickte. „Es ist so wild.“
„Das stimmt“, sagte Opa und nickte ernst. „Feuer ist wild. Deshalb braucht es jemanden, der es im Auge behält. Das Feuer hat nämlich Regeln. Wenn man die kennt, ist es wie ein zahmer Hund.“
Henk schaute Opa an. „Welche Regeln?“
„Komm, ich zeig sie dir.“ Sie standen auf. Aber Opa ging nicht ganz nah heran. Er blieb einen großen Schritt vor der Feuerschale stehen. „Regel eins: So weit bleibst du weg. So weit, dass es deine Wangen gerade warm macht, aber nicht heiß. Spürst du das?“
Henk streckte vorsichtig das Gesicht vor. Die Wärme legte sich sanft auf seine Wangen. Es kitzelte fast. „Ja“, flüsterte er.
„Regel zwei: Wir gehen nie ums Feuer herum, ohne zu sagen ‚Achtung, ich komme‘. Und Regel drei: Wenn ein Funke springt, machen wir keinen Quatsch. Wir treten einen Schritt zurück. Ganz ruhig. So.“
Opa machte einen ruhigen Schritt zurück. Henk machte ihn nach. Es fühlte sich gut an, das zu können.
Inzwischen wickelten die anderen schon ihren Teig um die Stöcke. Konrad hielt seinen Stock mitten in die größten Flammen. „Schneller geht’s nicht!“, rief er.
„Vorsicht, Konrad —“, begann Opa. Zu spät. Konrads Stockbrot fing Feuer, wurde schwarz und qualmte. „Iieh!“ Konrad zog ein verkohltes Klümpchen aus den Flammen. Alle stöhnten und lachten.
Henk merkte, wie sich etwas in ihm löste. Vielleicht war zu schnell ja gar nicht so klug. „Darf ich auch?“, fragte er.
Opa reichte ihm einen Stock mit Teig. Henk hielt ihn genau dahin, wo Opa es ihm gezeigt hatte: nicht in die Flammen, sondern über die rotglühende Glut am Rand. Er drehte den Stock langsam. Immer rundherum. Ganz geduldig.
Da – ein lautes Knacken. Ein Holzscheit brach zusammen, und ein Schwall Funken sprühte hoch.
Henks Herz machte einen Satz. Aber er rannte nicht weg. Er trat einen ruhigen Schritt zurück, genau wie Opa es ihm gezeigt hatte, und hielt seinen Stock fest. Die Funken regneten herab und erloschen im Gras.
„Sauber gemacht“, sagte Opa leise. „Genau richtig.“
Henk drehte sein Stockbrot weiter. Und weiter. Bis es goldbraun war, rundherum, ohne eine einzige schwarze Stelle.
Als er hineinbiss, war es außen knusprig und innen warm und weich und dampfte. „Das ist das beste Stockbrot der Welt“, sagte Henk mit vollem Mund.
„Wie hast du das gemacht?“, fragte Konrad und kaute neidisch an seinem verkohlten zweiten Versuch.
„Man muss geduldig sein“, sagte Henk. „Und man muss die Regeln kennen.“
Da zupfte ihn jemand am Ärmel. Es war seine kleine Cousine Hedda. Sie stand ganz hinten, wo Henk vorhin gesessen hatte, und schaute ängstlich auf die Flammen. „Ist das nicht gefährlich?“, flüsterte sie.
Henk hockte sich neben sie, so wie Opa sich vorhin neben ihn gehockt hatte. „Ein bisschen“, sagte er. „Aber das Feuer hat Regeln. Soll ich sie dir zeigen?“
Hedda nickte. Henk nahm ihre Hand und führte sie einen großen Schritt vor die Feuerschale. „So weit bleibst du weg. So weit, dass es die Wangen gerade warm macht …“
Später lagen alle auf Decken im Gras. Das Feuer war zu einem ruhigen Glutbett heruntergebrannt, das im Dunkeln rot atmete. Es roch nach Rauch und warmem Brot. Über ihnen leuchteten unzählige Sterne.
Henk gähnte. Seine Wangen waren warm vom Feuer, sein Bauch war satt, und in seiner Hand lag Heddas kleine, schläfrige Hand.
Das Feuer, dachte Henk, war gar kein Monster. Es war eher wie ein großer, warmer Hund, der jetzt müde wurde und einschlief. Genau wie er.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Opa Henk gezeigt, damit er sich beim Feuer sicherer fühlt?
- Warum ist Konrads Stockbrot schwarz geworden?
- Was macht Henk am Ende für Hedda?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hattest du auch schon mal Angst vor etwas, das andere nicht schlimm fanden?
- Wann hast du etwas gelernt, bei dem du am Anfang unsicher warst?
- Was machst du, wenn du geduldig sein musst und es dir schwerfällt?
Was wäre, wenn …?
- Was hätte Henk wohl gemacht, wenn Opa sich nicht zu ihm gesetzt hätte?
- Stell dir vor, Hedda traut sich nicht. Was könnte Henk noch versuchen?




