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Ilvy und Timo sitzen an der Zaunlücke und malen ihr gemeinsames Abschiedszeichen in den Sand

GESCHICHTE

Ilvy und das Geheimzeichen am Zaun

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 4-6 Jahre
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Ilvy saß auf der Fensterbank und presste die Nase ans kalte Glas. Drüben, bei Timo, stapelten sich braune Kartons bis zur Zimmerdecke. Ein Lastwagen mit riesigen Rädern stand schon in der Einfahrt.

„Die ziehen wirklich weg“, flüsterte Ilvy. Ihr Bauch fühlte sich an wie ein nasser Schwamm.

Seit sie laufen konnte, wohnte Timo nebenan. Sie kannten jeden Riss im Gartenzaun. Besonders die Lücke zwischen zwei Brettern, durch die man gerade so eine Hand stecken konnte. Das war ihr Geheimversteck. Dort hatten sie Kastanien getauscht, Zettel mit Kritzelzeichnungen und einmal sogar einen halben Keks.

Mama setzte sich neben Ilvy aufs Fensterbrett. „Magst du rübergehen und dich verabschieden?“

„Nein“, murmelte Ilvy und zog die Knie an. „Dann wird es echt. Dann ist er wirklich weg.“

„Und wenn du nicht gehst?“, fragte Mama leise. „Wird es dann nicht echt?“

Ilvy schwieg einen Moment. „Doch. Aber dann ist es echt und ich hab mich nicht mal verabschiedet.“

„Ich geh mit dir bis zur Tür“, sagte Mama. „Den Rest schaffst du.“

Draußen rief Timo plötzlich über den Zaun: „Ilvy! Kommst du kurz? Bitte?“ Seine Stimme klang genauso zittrig, wie sich Ilvys Bauch anfühlte.

Ilvy schluckte. Sie konnte drinnen bleiben, wo es sicher war. Oder rausgehen, obwohl es wehtat. Sie rutschte von der Fensterbank und schlüpfte in ihre Gummistiefel.

An der Zaunlücke saßen sie sich gegenüber, jeder auf seiner Seite. Timo drehte einen kleinen Stein zwischen den Fingern.

„Ich hab Angst, dass wir uns vergessen“, sagte er leise.

„Vergess ich nie“, sagte Ilvy schnell. Zu schnell. „Also, ich glaub nicht. Aber wie soll das gehen, wenn du so weit weg wohnst?“

„Keine Ahnung“, murmelte Timo. „Vielleicht… gar nicht?“

„Doch!“, rief Ilvy. Da hatte sie plötzlich eine Idee. Sie malte mit dem Finger ein Zeichen in den Sand – zwei Kreise, die sich berührten.

„Das wird unser Zeichen“, sagte sie. „Immer wenn du an mich denkst, malst du es irgendwohin. Auf eine Postkarte, in den Sand, sogar aufs Frühstücksbrot.“

„Und ich mal’s auch?“, fragte Timo.

„Genau. Und die Zaunlücke bleibt unser Geheimversteck. Auch wenn du nicht mehr nebenan wohnst.“

Timos Gesicht wurde hell. „Warte!“ Er steckte ihr einen kleinen Stein durch die Lücke. „Der hat unser Zeichen drauf. Ich hab ihn schon gestern gemalt. Für dich, falls du heut nicht rauskommst.“

Ilvy hielt den Stein fest. Er war warm von Timos Hand.

Am nächsten Morgen fuhr der Lastwagen los. Ilvy winkte, bis das Auto um die Ecke verschwand. Ihr Bauch fühlte sich immer noch komisch an, aber nicht mehr ganz so schwer.

Sie lief zur Zaunlücke und wollte den Stein zurückstecken. Da lag schon etwas anderes im Versteck: eine kleine Karte mit zwei Kreisen, die sich berührten.

„Der hat das extra für mich versteckt“, flüsterte Ilvy. „Für genau jetzt.“

Abends, im Bett, malte sie zwei Kreise auf ein Blatt Papier und steckte es unters Kopfkissen. „Morgen geht’s zur Post“, sagte sie leise zu sich selbst. Und irgendwo, in einem neuen Zimmer in einer neuen Stadt, malte gerade jemand genau dasselbe Zeichen.

Das Geheimversteck war noch da, ganz genau an seinem Platz.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Was haben Ilvy und Timo durch die Lücke im Zaun getauscht?
  • Welches Zeichen haben sich die beiden ausgedacht?
  • Was hat Ilvy am nächsten Tag im Geheimversteck gefunden?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Hast du dich schon mal von jemandem verabschieden müssen? Wie war das für dich?
  • Was machst du, wenn du an jemanden denkst, der weit weg wohnt?
  • Hast du auch ein Geheimversteck mit jemandem? Wo ist das?
Was wäre, wenn …?
  • Was könnte Ilvy alles in die Zaunlücke legen, auch wenn Timo nicht mehr da ist?
  • Stell dir vor, Timo kommt in ein paar Monaten zu Besuch. Was würden die beiden wohl machen?

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.