„Pass auf, Mama, das wird die größte Burg vom ganzen Strand!“ Lemmi klatschte den nassen Sand fest.
Die Sonne brannte warm auf seinen Rücken. Oben war der Sand heiß unter seinen Knien. Aber unten, wo er grub, war er kühl und dunkel. Möwen kreischten über dem Meer.
Lemmi baute und baute. Zwei dicke Türme. Eine hohe Mauer. Ein Tor aus einer glänzenden Muschel. Die Burg war wunderschön.
Dann hörte er es. Ein leises Rauschen. Das Wasser kam näher.
„Mama, das Meer kommt!“, rief Lemmi.
„Die Flut kommt jeden Tag, mein Schatz“, sagte Mama und legte ihr Buch zur Seite.
Eine kleine Welle leckte an Lemmis Fuß. Kalt! Dann rollte sie weiter – mitten in seine schöne Mauer. Platsch. Ein Stück brach weg.
„Nein!“ Lemmi häufte schnell neuen Sand auf und baute die Mauer höher. Doch die nächste Welle kam. Und riss wieder ein Loch hinein.
Lemmis Lippe zitterte. „Das Wasser macht alles kaputt.“
Er baute die Mauer noch höher. Noch dicker. Aber das Meer war stärker. Wieder und wieder spülte es den Sand davon.
Lemmi setzte sich in den nassen Sand. Er war wütend und traurig zugleich. Die größte Burg vom Strand – einfach weg.
Mama hockte sich neben ihn. „Das Wasser will immer dahin, wo es hin will“, sagte sie leise. „Vielleicht musst du nicht gegen das Wasser bauen. Vielleicht baust du für das Wasser.“
Lemmi schaute sie an. „Für das Wasser?“
Er dachte nach. Dann begann er zu graben. Keine Mauer mehr. Sondern einen langen Graben, der vom Meer bis zu seiner Burg führte. Und rund um die Türme einen tiefen Ring.
Die nächste Welle kam. Lemmi hielt die Luft an.
Aber diesmal rauschte das Wasser nicht gegen die Mauer. Es lief in den Graben hinein. Es füllte den Ring rund um die Burg. Und plötzlich –
„Mama, schau! Meine Burg hat einen Wassergraben! Ein echtes Wasserschloss!“
Das Wasser glitzerte rund um die Türme. Kleine Lichtpunkte tanzten darin wie winzige Fische. Die Welle, vor der Lemmi solche Angst gehabt hatte, machte seine Burg jetzt erst richtig schön.
Lemmi sprang auf und tanzte um sein Schloss herum. Das kühle Wasser kitzelte seine Zehen.
Als die Sonne tief und orange über dem Meer hing, packte Mama die Sachen zusammen. Lemmi warf seinem Wasserschloss noch einen letzten Blick zu. „Morgen bau ich wieder eins“, sagte er und gähnte.
Im Auto roch Lemmi nach Salz und Sonne. Seine Augen wurden schwer. Und im Einschlafen sah er noch immer die kleinen Lichtfische in seinem Wassergraben tanzen.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Lemmi zuerst am Strand gebaut?
- Was ist mit Lemmis Burg passiert, als die Wellen kamen?
- Was hat Lemmi dann gegraben, damit das Wasser nicht mehr die Mauer kaputt macht?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal etwas gebaut und es ist kaputt gegangen? Was war das?
- Wie fühlst du dich, wenn etwas nicht so klappt, wie du es dir vorgestellt hast?
- Kennst du etwas, das man nicht aufhalten kann, so wie Lemmi das Wasser nicht aufhalten konnte?
Was wäre, wenn …?
- Was würdest du bauen, wenn du mit Lemmi zusammen am Strand wärst?
- Stell dir vor, eine Krabbe kommt zu Lemmis Wasserschloss. Was würde sie dort machen?




