„Frische Limonade! Nur zwanzig Cent!“ Tjark rief es so laut er konnte über den leeren Gehweg.
Niemand kam.
Es war der heißeste Tag des Sommers. Die Luft flimmerte über dem warmen Asphalt. Tjark hatte den ganzen Vormittag mit Papa Zitronen gepresst. Gelb und sauer, dann süß mit viel Zucker. Jetzt stand die Kanne auf dem Tisch und schwitzte kleine Tropfen.
Tjark hatte alles vorbereitet. Ein Schild gemalt. Becher gestapelt. Ein leeres Marmeladenglas für das Geld. Wenn das Glas voll war, wollte er sich eine Wasserpistole kaufen. Die große, blaue.
Aber die Straße blieb leer. „Wo sind denn alle?“, fragte Tjark.
„Bei der Hitze sind die meisten im Freibad, glaube ich“, sagte Papa vom Gartenstuhl aus.
Tjark seufzte. Eine Fliege landete auf dem Becherrand. Sonst tat sich nichts. Die Eiswürfel in der Kanne wurden immer kleiner.
Tjark ließ den Kopf hängen. Der ganze Vormittag umsonst.
Da bog jemand um die Ecke. Es war Frau Brandt, die Postbotin. Sie schob ihr schweres Fahrrad, ihr Gesicht war rot und glänzend, und sie schnaufte.
Tjark schaute in sein leeres Marmeladenglas. Dann schaute er Frau Brandt an. Sie sah so durstig aus.
„Möchten Sie eine Limonade?“, fragte Tjark. „Die ist… die ist umsonst. Für Sie.“
Frau Brandt blieb stehen. „Umsonst? Mein lieber Tjark, das ist das Netteste, was mir heute passiert ist.“ Sie trank den ganzen Becher in einem Zug. „Ahhh. Wie ein kühler Regen!“
Sie wischte sich den Mund ab. „Weißt du was? Um die Ecke bauen Männer eine Mauer. Die sind bestimmt halb verdurstet. Ich schick sie dir vorbei.“
Und dann ging alles ganz schnell. Erst kamen zwei Bauarbeiter, staubig und durstig. Dann eine Joggerin. Dann eine Oma mit ihrem Enkel. Dann eine ganze Familie mit Fahrrädern.
„Vier Becher, bitte!“ – „Für mich auch einen!“
Tjark schenkte ein und kassierte und schenkte nach. Sein Marmeladenglas füllte sich – klimper, klimper – mit Münzen. Papa musste eine zweite Kanne mischen.
Als die letzten Eiswürfel geschmolzen waren, war die Limonade alle. Tjark zählte sein Geld. Es reichte für die blaue Wasserpistole – und ein bisschen blieb sogar übrig.
Am Abend lag Tjark in seinem Bett. Die neue Wasserpistole stand schon bereit für morgen. Durchs offene Fenster roch es nach warmem Asphalt und nach Zitronen.
Tjark dachte an Frau Brandts glückliches Gesicht, als sie den ersten Becher getrunken hatte. Daran musste er lächeln. Morgen, dachte er, mache ich ihr gleich als Erstes einen Becher fertig.
Dann wurden seine Augen schwer, und er schlief ein – mit einem Lächeln, das ein klein wenig nach Zitrone schmeckte.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Tjark am Anfang gemacht, um Kunden anzulocken?
- Warum war die Straße so leer?
- Wer war die erste Person, die bei Tjark eingekauft hat?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal etwas verkauft oder getauscht? Was war das?
- Wie fühlst du dich, wenn etwas nicht so klappt, wie du es dir vorgestellt hast?
- Wann hast du jemandem etwas geschenkt? Was war das?
Was wäre, wenn …?
- Was hätte Tjark wohl gemacht, wenn auch nach Frau Brandt niemand gekommen wäre?
- Was könnte Tjark als Nächstes an seinem Stand verkaufen?




