Ole hielt sich an Mamas Bein fest. Sein Bauch kribbelte, ganz fest, so wie jeden Morgen vor der Kita-Tür. „Ich will nicht“, flüsterte er und drückte sein Gesicht in Mamas Jacke.
Mama ging in die Hocke, bis ihre Augen genau bei Oles Augen waren. „Ich weiß, mein Schatz. Der Abschied fühlt sich manchmal ganz schön groß an“, sagte sie und strich ihm über den Kopf.
Sie zog etwas aus ihrer Manteltasche. Ein kleiner, runder Stein, glatt wie ein Ei, warm von Mamas Hand. Ole legte seine Finger darum. Er war weich und warm, genau wie Mamas Hand beim Halten.
„Der Stein kommt jetzt mit in deine Hosentasche“, sagte Mama. „Und wenn du ihn drückst, bin ich ganz nah bei dir. Und am Fenster winken wir uns dreimal zu, so wie immer.“
Ole nickte langsam. Er steckte den Stein tief in seine Tasche und ging durch die Tür. An der Fensterscheibe drehte er sich um. Mama winkte, eins, zwei, drei Mal, mit beiden Händen. Ole winkte zurück, doch seine Augen wurden schon wieder feucht.
Drinnen klapperten Bauklötze. Sein Freund Mio saß auf dem Teppich und baute einen Turm, so hoch wie sein Arm. „Kommst du?“, rief er.
Ole blieb an der Tür stehen. Er wollte zu Mio, aber seine Füße wollten nicht. Da fiel ihm der Stein ein. Er steckte die Hand in die Tasche und drückte ihn fest, ganz fest, so wie Mama es gezeigt hatte. Und dann spürte er es: Der Stein war warm. Ganz von allein, nur von seiner eigenen Hand.
Er atmete tief durch und ging zu Mio hinüber. „Ich baue mit“, sagte er leise, setzte sich in den Sonnenfleck auf dem Teppich und stapelte den ersten Klotz auf den Turm.
Als Mama am Nachmittag kam, rannte Ole ihr entgegen. „Ich hab den Stein gedrückt, und er war ganz warm!“, rief er stolz und zeigte ihr den Turm, den er mit Mio gebaut hatte. Abends, im warmen Bett, legte Ole den Stein auf sein Kopfkissen. „Morgen wieder?“, fragte er gähnend. „Morgen wieder“, flüsterte Mama und deckte ihn zu. Draußen wurde es dunkel, und Ole schlief ein, mit dem warmen Stein ganz nah bei sich.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Mama Ole gegeben, als er nicht in die Kita wollte?
- Wer hat Ole in der Kita zum Spielen gerufen?
- Was haben Ole und sein Freund zusammen gebaut?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Kennst du auch so ein Gefühl, wenn der Abschied schwer ist?
- Hast du auch etwas, das dir hilft, wenn du dich unsicher fühlst?
- Was machst du, wenn du mutig sein möchtest, aber deine Füße nicht wollen?
Was wäre, wenn …?
- Was könnte Ole noch alles mit seinem warmen Stein erleben?
- Welchen Gegenstand würdest du dir wünschen, der dir Mut gibt?




