Paul saß im Stuhlkreis und schielte zur Seite. Da war das neue Mädchen wieder. Es saß ganz allein am Maltisch und sagte kein einziges Wort.
„Das ist Suri“, hatte die Erzieherin am Morgen gesagt. „Sie ist neu bei uns. Seid nett zu ihr.“ Aber Suri schaute immer nur auf ihre Hände.
„Paaaul!“, riefen Jasper und Ben aus der Bauecke. „Wir spielen Räuber! Komm schnell!“
Paul stand schon halb auf. Dann schaute er noch einmal zu Suri. Sie saß da wie ein kleiner Vogel, der sich nicht traut zu fliegen.
„Gleich“, rief Paul zurück. Und dann tat er etwas, das ihn selbst überraschte: Er ging zum Maltisch und setzte sich neben das stille Mädchen.
„Hallo“, sagte Paul. „Ich bin Paul. Willst du spielen?“ Suri sagte nichts. Sie schaute nicht einmal auf.
Paul wartete. Er zappelte mit den Füßen. Vielleicht mag sie mich nicht, dachte er und wollte schon wieder aufstehen.
Doch dann sah er die Kiste mit den bunten Bausteinen. Ohne ein Wort zog Paul sie zu sich heran und fing an zu bauen. Ein Stein. Noch einer. Ein wackeliger Turm wuchs in die Höhe.
Aus den Augenwinkeln merkte er, dass Suri jetzt hinschaute. Der Turm wurde höher. Und höher. Er schwankte schon gefährlich.
„Oh-oh“, machte Paul. Er riss die Augen ganz weit auf und zog ein albernes Gesicht. Und dann — KRACH — fielen alle Steine herunter und kullerten über den Tisch.
Da passierte es. Suri kicherte. Erst ganz leise, dann lauter, ein hell sprudelndes Lachen, das Paul sofort ansteckte.
Suri streckte die Hand aus. Vorsichtig stellte sie einen Stein auf den anderen — aber anders als Paul, die breiten nach unten, die schmalen nach oben. Ihr Turm wackelte kein bisschen.
„Wow“, flüsterte Paul. „Wie machst du das?“ Suri zuckte mit den Schultern und lächelte. Dann schob sie ihm einen Stein hin.
Sie bauten zusammen. Einen Turm, eine Brücke, eine ganze Burg mit einem Tor. Dafür brauchten sie gar nicht viele Worte. Ein Zeigen hier, ein Lachen da.
Als die Erzieherin rief, dass die Mamas und Papas da seien, schauten beide ganz erstaunt hoch. Schon vorbei?
An der Garderobe zog Suri ihre Jacke an. Ganz leise, fast wie ein Geheimnis, sagte sie: „Bis morgen, Paul.“ Es waren ihre ersten Worte an diesem ganzen Tag.
Am Abend, im Bett, erzählte Paul seiner Mama von der Burg mit dem Tor. „Und morgen“, sagte er und kuschelte sich in sein Kissen, „bauen wir einen Drachen dazu.“ Er gähnte. Suri wusste bestimmt genau, wie man Drachenflügel stapelt, ohne dass sie umfallen.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was hat Paul gemacht, als seine Freunde ihn zum Spielen gerufen haben?
- Wie haben Paul und Suri miteinander gespielt?
- Woran hat Paul gemerkt, dass Suri sich wohler fühlt?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Warst du auch schon mal neu irgendwo? Wie war das für dich?
- Was machst du, wenn jemand alleine ist und ein bisschen traurig aussieht?
- Spielst du manchmal auch ohne viele Worte? Wie geht das?
Was wäre, wenn …?
- Was glaubst du, bauen Paul und Suri am nächsten Tag?
- Stell dir vor, du triffst Suri. Was würdest du mit ihr spielen?




