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Mädchen sitzt lächelnd auf der Treppe und hält ihr fertig gelesenes Buch fest an sich gedrückt

GESCHICHTE

Sela und die letzte Seite

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 7-9 Jahre
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Sela saß auf der obersten Treppenstufe vor dem Haus und hielt das Buch so fest, dass ihre Finger ganz weiß wurden. Nur noch zwei Seiten. Nur noch zwei Seiten bis zum Ende von „Die Insel der roten Segel“ – ihrem allerersten dicken Buch, ganz ohne Bilder.

Seit den Sommerferien hatte sie daran gelesen. Manchmal nur eine Seite vor dem Einschlafen, manchmal einen ganzen regnerischen Nachmittag lang. „Wenn du fertig bist, erzählst du mir das Ende“, hatte Papa vor ein paar Tagen gesagt. „Ich bin wirklich gespannt, wie die Geschichte ausgeht.“

Von der Einfahrt hallte plötzlich lautes Jubeln herüber. „Nio, du fährst! Du fährst wirklich ganz allein!“

Sela schaute hoch. Ihr kleiner Bruder sauste auf seinem roten Fahrrad die Einfahrt entlang, ohne die Stützräder, die gestern noch drangewesen waren. Mama lief neben ihm her und klatschte in die Hände, Papa hielt schon sein Handy hoch, um alles zu filmen. Das Abendlicht lag golden über der Straße.

„Das war unglaublich!“, rief Mama und drückte Nio, kaum dass er stehenblieb. „Mein großer, großer Junge!“

Nio war gerade fünf geworden. Er übte das Fahrradfahren erst seit einer Woche. Sela hatte für ihr Buch drei ganze Monate gebraucht, Seite für Seite, und niemand hatte sie dabei gefilmt, wie sie still auf der Treppe saß.

In ihrem Bauch kribbelte etwas Komisches. Es fühlte sich an wie Ärger, aber auch ein bisschen wie Traurigkeit, alles ineinander verknotet. Am liebsten wäre sie jetzt aufgesprungen und hätte gerufen: „Ich bin auch fast fertig! Guckt doch mal!“

Aber etwas in ihr wollte das nicht. Wenn sie jetzt dazwischenplatzte, während Nio noch strahlte und außer Atem war, würde es sich falsch anfühlen. Klein, irgendwie. Als würde sie ihm seinen Moment wegnehmen. Also blieb Sela einfach sitzen, drückte das Buch fester an ihre Brust und roch das frisch gemähte Gras, das der Wind herübertrug.

Sie beschloss, ihre eigene Art zu feiern. Ganz leise klappte sie das Buch wieder auf und las die letzten beiden Seiten, Wort für Wort, während hinter ihr die Klingel des Fahrrads bimmelte und Nio noch eine Ehrenrunde drehte. Als sie die allerletzte Zeile gelesen hatte, klappte sie das Buch zu und presste die Handfläche flach auf den Einband.

Geschafft. Wirklich geschafft.

Aus dem Kribbeln in ihrem Bauch wurde etwas Wärmeres. Sela nahm den Bleistift aus ihrer Hosentasche, den sie immer dabeihatte, und schrieb ganz vorne auf die erste Seite: „Gelesen von Sela, im Sommer.“ Kein großes Fest, keine Musik. Aber es gehörte ganz ihr.

„Ich mach das jetzt eben so“, flüsterte sie zu sich selbst und lehnte sich gegen das Treppengeländer.

Draußen wurde es langsam ruhiger. Nio stellte sein Fahrrad ab und rannte zu Mama, um ihr zum dritten Mal zu erzählen, wie schnell er gefahren war. Mama lachte und strich ihm über die Haare. Papa steckte sein Handy in die Tasche und drehte sich um, um nach Sela zu sehen.

Er blieb stehen.

Sela saß auf der Treppe, das dicke Buch geschlossen auf den Knien, die Hand noch immer darauf. Etwas an ihrer Haltung ließ Papa langsamer werden. Er kam über den Rasen zu ihr herüber und setzte sich neben sie auf die Stufe.

„Ist das fertig?“, fragte er und deutete mit dem Kinn auf das Buch.

Sela nickte. Mehr brachte sie erst nicht heraus, weil ihr Hals ganz eng wurde.

„Warte“, sagte Papa leise. „Ich hab dir doch versprochen, dass ich mir das Ende erzählen lasse.“ Er rückte näher und legte den Arm um sie. „Erzählst du’s mir jetzt?“

Da löste sich der Kloß in Selas Hals, und die Worte purzelten nur so heraus. Sie erzählte von der Insel, von dem Sturm und den roten Segeln, und wie die Geschwister im Buch am Ende doch noch zueinanderfanden. Papa hörte zu, ohne sie zu unterbrechen, und nickte an genau den richtigen Stellen.

Mama kam mit Nio herüber und setzte sich auf die Stufe darunter. Nio lehnte seinen Kopf an Selas Knie, roch nach Sommer und Fahrradkette, und lauschte auch, obwohl er die halben Wörter noch nicht kannte.

„Drei Monate“, sagte Papa und schüttelte den Kopf, als Sela fertig war. „Drei Monate ein ganzes Buch ohne Bilder. Das ist wirklich groß, Sela.“

„Zeigst du’s mir auch mal?“, fragte Nio und gähnte dabei herzhaft.

„Morgen“, sagte Sela und musste plötzlich lächeln, so breit, dass ihre Wangen wehtaten.

Die Straßenlaterne ging an, und die Grillen begannen zu zirpen. Mama stand auf und reichte Sela die Hand. „Kommt, ihr zwei Weltmeister. Zähneputzen, dann gibt’s noch eine kleine Geschichte vor dem Schlafen – heute vielleicht sogar zwei.“

Sela stand auf, das Buch fest unter den Arm geklemmt, und ging zwischen Mama und Papa ins Haus. Hinter ihr rollte Nio sein Fahrrad in die Garage, und irgendwo in der Dämmerung roch es nach Sommer und nach etwas, das sich sehr nach Zuhause anfühlte.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Was hat Sela auf der Treppe gemacht?
  • Warum waren Mama und Papa so aufgeregt bei Nio?
  • Was hat Papa am Ende mit Sela gemacht?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Hast du auch schon mal etwas geschafft, worauf du richtig stolz warst?
  • Kennst du das Gefühl, wenn jemand anderes gerade viel Aufmerksamkeit bekommt?
  • Was machst du gerne ganz für dich allein, ohne dass andere dabei zuschauen?
Was wäre, wenn …?
  • Was könnte in Selas nächstem Buch passieren, das sie liest?
  • Wie hätte sich Sela wohl gefühlt, wenn sie laut gerufen hätte?

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.