„Ich hab schon acht!“, rief Wiebke und hielt ihren Becher hoch. Ihre Finger waren schon ganz lila.
Ihr Bruder Milo grinste und schüttelte seinen Becher. „Ich hab neun. Ätsch.“
Sie waren mit Mama und Papa am Feldweg unterwegs, dort wo die Brombeerhecken wild über den Zaun wucherten. Die Sonne stand tief und tauchte die Blätter in goldenes Licht. Zwischen den Zweigen zwitscherten Amseln, und irgendwo summte eine Hummel.
„Wer die meisten Beeren findet, darf zuerst probieren, wenn der Kuchen fertig ist“, hatte Papa gesagt. Mama hatte genickt. „Aber wir brauchen wirklich viele. Zwei ganze Schüsseln, sonst reicht es nicht für den Teig. Und die Sonne geht bald unter.“
Wiebke steckte den Arm tief in die Hecke. Die Dornen kratzten über ihr Handgelenk, aber ganz hinten hing eine Traube dicker, praller Beeren, so groß wie Wiebkes Daumen. „Aua“, flüsterte sie, zog aber trotzdem weiter. Endlich löste sich die ganze Traube auf einmal. Zehn Beeren, vielleicht mehr!
„Guck mal, Milo!“ Sie hielt den Becher triumphierend hoch.
Milo wollte natürlich auch an diese Hecke. Er drängelte sich neben sie, streckte sich zu hoch – und stolperte über eine Wurzel. Sein Becher kippte um. Alle Beeren rollten in den Staub des Weges.
Milo starrte auf den leeren Becher. Seine Unterlippe zitterte. „Das war… das war meine ganze Ausbeute.“
Einen Moment lang wusste Wiebke nicht, was sie fühlen sollte. Wenn sie jetzt weitersammelte, würde sie ganz sicher gewinnen. Ihr Becher war ja schon voller als seiner. Aber Papa rief von weiter vorne: „Kinder, wir haben nur noch zehn Minuten Licht!“
Wiebke schaute auf ihren Becher, dann auf Milos leere Hände. Und plötzlich war ihr das Gewinnen gar nicht mehr so wichtig.
„Halt deinen Becher hin“, sagte sie.
Milo blinzelte. „Was?“
„Halt ihn hin, du Schnecke, bevor ich’s mir anders überlege!“
Sie kippte die Hälfte ihrer Beeren in seinen Becher. Dann sammelten sie gemeinsam weiter, so schnell ihre lila Finger nur konnten, bis Mama rief: „Zwei volle Schüsseln! Das reicht dicke!“
Zuhause in der warmen Küche knetete Wiebke den Teig, während Milo die Beeren vorsichtig darüber verteilte. Der ganze Raum roch nach Vanille und Sommer. Als der Kuchen aus dem Ofen kam, war er dunkellila und dampfte verlockend.
„Wer hat jetzt eigentlich gewonnen?“, fragte Milo mit vollem Mund.
Wiebke leckte sich Kuchenkrümel von den lila Fingern und lachte. „Wir beide. Der Kuchen schmeckt doppelt so gut.“
Später, im Bett, roch ihr Kissen immer noch ein kleines bisschen nach Brombeeren. Wiebke steckte ihre lila Fingerspitzen unter die Decke und schlief zufrieden ein.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was haben Wiebke und Milo am Feldweg gesammelt?
- Was ist mit Milos Becher passiert?
- Was haben die Geschwister aus den Brombeeren gemacht?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal etwas in der Natur gesammelt? Was war das?
- Wie fühlt es sich an, wenn dir etwas runterfällt, das du gesammelt hast?
- Wann hast du mal etwas mit jemandem geteilt? Was war das?
Was wäre, wenn …?
- Was hätte Milo wohl gemacht, wenn Wiebke ihre Beeren nicht geteilt hätte?
- Welches Abenteuer könnten Wiebke und Milo beim nächsten Spaziergang erleben?




