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Mädchen läuft entschlossen beim Sportfest-Wettlauf über die grüne Wiese

GESCHICHTE

Veras eigenes Rennen

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 7-9 Jahre
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Veras Herz hüpfte wie ein Flummi, als sie sich neben die anderen Kinder an die Startlinie stellte. Ihre Finger kribbelten, und der frisch gemähte Rasen roch nach Sommer. Heute war der große Tag: der 60-Meter-Lauf beim Sportfest, auf den sie sich seit Wochen gefreut hatte.

Seit sechs Wochen war Vera jeden Abend nach dem Essen mit Papa in den Park gegangen. Er hielt die Stoppuhr, sie rannte, bis ihre Beine brannten und ihre Waden am nächsten Morgen zwickten. „Zehn Komma neun!“, hatte er letzte Woche gerufen, und Vera hatte vor Freude einen Freudensprung gemacht, mitten auf der Wiese.

„Heute schlägst du Nike“, flüsterte ihre beste Freundin Lotta und drückte ihr die Hand. Nike gewann bei jedem Sportfest. Aber Vera hatte diesmal ein gutes Gefühl in der Brust.

Der Sportlehrer, Herr Bosse, hob die Fahne. „Auf die Plätze, fertig –“ Ein schriller Pfiff zerschnitt die Luft, und sechs Paar Beine schossen los.

Vera rannte, so schnell sie konnte. Der Kies spritzte unter ihren Schuhen, der Wind pfiff an ihren Ohren vorbei, und für einen Moment dachte sie: Ich schaffs! Doch dann sah sie aus dem Augenwinkel drei Trikots an sich vorbeiziehen.

Als sie die Ziellinie überquerte, japsend, mit brennender Brust, stand sie nicht auf dem Treppchen. Sie war Vierte geworden. Nike hatte gewonnen, wie immer.

Für einen Herzschlag lang war es ganz still um Vera herum. Dann hörte sie Applaus – für die anderen. Ihr Hals wurde eng, und heiße Tränen stiegen ihr in die Augen.

Sie wollte einfach nur weg. Weg von den Blicken, weg von der Ziellinie, weg von Mamas und Papas Gesichtern, die bestimmt enttäuscht waren. Am liebsten wäre sie zwischen den Zuschauerbänken verschwunden, bis das Sportfest vorbei war.

Lotta war sofort da und legte einen Arm um sie. „Das war richtig knapp“, sagte sie leise. „Ich hab gesehen, wie du aufgeholt hast.“ Vera nickte nur, weil ihre Stimme gerade nicht funktionierte.

Da kam Nike auf sie zu, außer Atem, mit rotem Kopf und der Startnummer schief auf der Brust. „Vera, du warst richtig schnell“, sagte sie und streckte ihr die Hand hin. „Ehrlich, bei der Kurve dachte ich, du holst mich noch ein.“

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Vera zögerte. Ihr Bauch fühlte sich an wie ein Klumpen nasser Sand. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre einfach gerannt – weit weg, wo niemand ihre Tränen sehen konnte.

Aber dann sah sie Nikes Hand, die immer noch da war, geduldig wartend. Vera atmete tief durch und schlug ein. „Du warst auch gut“, presste sie heraus. Es tat weh, das zu sagen, aber es fühlte sich auch irgendwie richtig an.

Dann kam Papa über den Rasen gelaufen, die Stoppuhr in der Hand, und sein Gesicht strahlte, als hätte sie gerade gewonnen. Vera runzelte die Stirn. „Papa, ich bin Vierte geworden. Ich hab verloren.“

„Schau mal“, sagte Papa und hielt ihr die Stoppuhr hin. Die Zahlen leuchteten rot: 10,6 Sekunden. „Das ist deine schnellste Zeit überhaupt. Schneller als im Park, schneller als je zuvor.“

Vera starrte auf die Zahlen. Zehn Komma sechs. Drei Zehntelsekunden schneller als ihre bisherige Bestzeit. Ihr Herz machte einen kleinen, überraschten Hüpfer.

„Ich hab gegen Nike verloren“, sagte sie leise, „aber gegen mich selbst gewonnen?“ Papa nickte und drückte ihre Schulter. „Genau das hab ich gesehen.“

Auf dem Heimweg hielt Vera ihre Startnummer fest in der Hand, die zerknitterte 14 auf weißem Papier. Sie würde sie nicht wegwerfen. Sie würde sie an ihre Pinnwand hängen, direkt neben den Wetterkalender.

Abends, im warmen Licht der Nachttischlampe, erzählte Vera Mama noch einmal jede Sekunde des Rennens – wie der Kies spritzte, wie ihr Herz gepocht hatte, wie Nikes Hand sich angefühlt hatte. Mama hörte zu und strich ihr übers Haar.

„Nächstes Mal“, murmelte Vera schon halb im Schlaf, „lauf ich gegen meine eigene Zeit.“ Mama lächelte im Dunkeln. „Das klingt nach einem richtig guten Rennen.“

Vera kuschelte sich tiefer in die Decke, die Startnummer noch immer griffbereit auf dem Nachttisch. Draußen zirpten die Grillen, und ihre Gedanken wurden langsam leicht wie Federn. Mit einem kleinen, stolzen Lächeln schlief sie ein.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Was hat Vera mit ihrem Papa gemacht, um sich auf das Rennen vorzubereiten?
  • Welchen Platz hat Vera beim Sportfest erreicht?
  • Was hat Papa Vera nach dem Rennen auf der Stoppuhr gezeigt?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Hast du auch schon mal für etwas trainiert oder geübt? Wofür?
  • Wie würdest du dich fühlen, wenn du nicht gewinnst, obwohl du viel trainiert hast?
  • Wann hast du dich schon mal über dich selbst gefreut, auch wenn andere besser waren?
Was wäre, wenn …?
  • Was könnte Vera beim nächsten Sportfest anders machen?
  • Stell dir vor, Nike hätte nicht gratuliert. Wie wäre die Geschichte dann weitergegangen?

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.