Maya fand den Eimer an einem Dienstagmorgen, als die Wiese noch nass vom Tau war.
Er stand zwischen zwei Büschen am Gartenweg, als hätte ihn jemand vergessen. Silbernes Blech, ein kleines Rillenmuster rundum, ein Henkel aus gedrehtem Draht. Nichts Besonderes.
Aber als Maya ihn aufhob, war er leicht wie eine leere Tüte. Und innen – innen war er kälter als draußen. Viel kälter, wie eine Nacht im Januar.
Sie hielt ihn hoch und schaute hinein.
Ein kleines Wölkchen zog vorbei – fluffig, weiß, ungefähr in Form eines Schafes mit zu langen Beinen – und dann: wuuup. Das Wölkchen verschwand in den Eimer hinein.
Maya ließ den Henkel los.
Der Eimer fiel nicht. Er schwebte in der Luft, ganz ruhig, als wäre das völlig normal.
„Okay“, sagte Maya leise.
Sie nahm den Henkel vorsichtig wieder. Der Eimer schwebte neben ihr mit, wie ein sehr gehorsamer Ballon. Maya schaute hinein: Das Schäfchen-Wölkchen lag ganz unten, weich und still, und bewegte sich kaum, als würde es schlafen.
Ich könnte mehr sammeln, dachte Maya.
Sie hob den Eimer höher. Ein zweites Wölkchen – dieses hier sah aus wie ein Kaninchen mit einem Ohr zu viel – wuup, hinein. Dann ein dickes graues, das wie Omas Kopfkissen aussah. Wuup. Dann drei kleine weiße hintereinander: wuup, wuup, wuup.
Der Eimer war noch immer leicht.
Maya lief durch den Garten, hielt den Eimer in alle Richtungen, und immer wenn eine Wolke vorbeizog, fing sie sie ein. Das Kamel-Wölkchen. Das Fisch-Wölkchen. Das Wölkchen, das ein bisschen wie Papas Kopf von oben aussah. Wuup, wuup, wuup.
Nach einer Weile wurde der Himmel blauer. Dann noch blauer. Dann ganz klar und leer, von einem Ende bis zum anderen, kein einziges Wölkchen mehr.
Maya stellte den Eimer ab und schaute ihr Werk an.
So viele Wolken. Alle hübsch beisammen.
Aber dann bemerkte sie das Gras.
Es war weniger grün als vorher. Die Tulpen bei Mamas Beet hingen leicht nach vorne. Eine Biene saß auf einem Blütenblatt und schaute stirnrunzelnd in den wolkenlosen Himmel.
„Entschuldigung“, piepste die Biene. „Was hast du da gemacht?“
„Ich hab die Wolken gesammelt“, sagte Maya.
„Alle?“
„Alle.“
Die Biene schaute den leeren Himmel an. Dann Maya. Dann den Eimer. „Ohne Wolken gibt es keinen Regen.“
„Ich weiß.“
„Und ohne Regen werden die Blumen durstig.“
„Ich weiß.“
„Und wenn die Blumen verdursten, gibt es keine Blüten. Und wenn es keine Blüten gibt, gibt es keinen Honig. Und wenn es keinen Honig gibt, dann–“
„Ich hab’s verstanden“, sagte Maya.
Die Biene schaute sie noch einmal ernst an. Dann flog sie weg und setzte sich auf einen Grashalm, der bereits ein bisschen welk aussah.
Maya schaute auf den Eimer. Das Schäfchen-Wölkchen hatte die Augen geschlossen. Das Kaninchen-Wölkchen kuschelte sich gegen Omas-Kopfkissen-Wolke. Sie sahen wirklich süß aus.
Ich will sie behalten, dachte Maya.
Aber dann sah sie, wie die rote Tulpe ganz langsam ihr Köpfchen hängen ließ. Und wie die Äste des kleinen Apfelbaums am Zaun ein bisschen matter wirkten als sonst. Und wie die Biene auf dem welken Grashalm saß und gar nichts mehr piepste.
Maya schluckte.
Sie nahm den Eimer mit beiden Händen. Kippte ihn langsam um – ganz langsam, und schaute dabei zu, wie die Wolken herauswanderten.
Das Schäfchen-Wölkchen als erstes. Es schwebte los, driftete über das Tulpenbeet – und ließ drei Tropfen fallen, genau auf die rote Tulpe. Die richtete sich sofort auf.
Das Kaninchen-Wölkchen schwebte zum Apfelbaum. Ein kleiner leiser Schauer. Die Blätter glänzten.
Omas-Kopfkissen-Wolke zog über den Gartenteich und warf einen kühlen Schatten. Die Frösche darin quakten erfreut. Und die kleinen weißen Wölkchen verteilten sich über die ganze Wiese, jedes zu seiner eigenen Blume, jedes mit seinen eigenen Tropfen.
Als hätten sie schon immer gewusst, wohin sie gehörten.
Am Ende war der Eimer fast leer.
Fast.
Ganz unten, in der kältesten Ecke, lag noch ein winziges Wölkchen. Nicht größer als ein Wattebausch. Das erste, das sie gefangen hatte – das Schäfchen mit den zu langen Beinen. Es schlief noch immer.
Maya schaute es lange an.
Dann trug sie den Eimer in den Schuppen, stellte ihn unters Fensterbrett, wo es schattig und kühl war.
„Du darfst bleiben“, sagte sie leise.
Das Wölkchen schlief weiter.
Maya kam jeden Morgen nachschauen. Das Wölkchen war immer noch da. Manchmal, wenn sie frühmorgens aufwachte und das Fenster einen Spalt offen war, hörte sie ein ganz leises Rauschen – wie das Geräusch, das Wolken machen, wenn sie träumen.
Dann schlief auch Maya wieder ein.
Ganz leicht. Ganz ruhig.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Was war an dem Eimer, den Maya gefunden hat, besonders?
- Was ist passiert, als Maya alle Wolken eingesammelt hat?
- Warum hat Maya am Ende ein Wölkchen behalten?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal etwas gesammelt? Was war das?
- Woran merkst du, dass Pflanzen Wasser brauchen?
- Was würdest du machen, wenn du etwas Besonderes finden würdest?
Was wäre, wenn …?
- Was könnte das kleine Wölkchen im Schuppen träumen?
- Was würde passieren, wenn Maya den Eimer woanders hinhalten würde?




