„Das zieht doch nichts!“, rief Pit, der dickste Pirat auf dem Schiff.
„Nochmal!“, brüllte Motte, der stärkste.
„Zusammen!“, keuchte Krause, der älteste.
Alle drei zogen an der Ankerkette, bis ihre Gesichter rot wurden wie Paprika. Der Anker rührte sich nicht.
Käptin Lotta stand oben auf dem Mast und schaute hinunter ins Wasser. Von hier oben konnte sie alles sehen – die Ankerkette, die schräg ins Meer verschwand, das grüne Leuchten tief unten, und… da. Der Anker steckte in etwas Rundem, Glänzendem fest.
„Ich glaub, er klemmt in einer Muschel!“, rief sie runter.
„Welcher Muschel?“, rief Pit nach oben.
„Einer großen!“
„Wie groß?“
„Sehr groß.“
Pit, Motte und Krause schauten sich an. Dann schauten sie ins Wasser. Dann wieder zu Lotta.
„Jemand muss runtertauchen“, sagte Krause.
Stille.
„Ich nicht“, sagte Pit. „Ich kann nicht tauchen.“
„Ich auch nicht“, sagte Motte. „Na ja – ich kann tauchen, aber nur bis hier.“ Er zeigte auf sein Knie.
Alle drei schauten wieder zu Lotta.
Lotta kletterte langsam vom Mast herunter. Ihr Bauch fühlte sich komisch an, so ein leises Rumoren. Das tiefe Wasser mochte sie eigentlich nicht besonders. Man wusste nie, was da unten war.
„Das Fest fängt in einer Stunde an“, sagte Krause. „Ohne den Anker kommen wir nicht los.“
Lotta schaute aufs Wasser. Das Wasser schaute zurück.
Vielleicht ist da nichts Schlimmes, dachte sie. Vielleicht ist es ganz normal da unten.
Sie zog die Stiefel aus.
„Lotta–“, fing Pit an.
„Ich schau nur kurz nach.“
Das Wasser war kälter als erwartet und grüner als von oben. Lotta tauchte an der Kette entlang in die Tiefe, und je tiefer sie kam, desto stiller wurde es. Kein Schaukeln, kein Knarren des Schiffs, kein Rufen von Pit.
Nur Stille und grünes Licht.
Und da unten: die Muschel. Riesig, fast so groß wie Lotta selbst, perlmuttfarben und wunderschön. Die Ankerkette hatte sich um ihren Rand gewickelt – und die Muschel hielt sie fest. Wie jemand, der etwas nicht loslassen will.
Lotta klopfte vorsichtig an die Muschel.
Die Muschel öffnete sich einen Spalt. Darin saß eine winzige Krabbe, die Lotta mit runden Augen anschaute.
„Entschuldigung“, blubberte Lotta. „Ich brauch die Kette zurück.“
Die Krabbe piepste etwas. Der Ton klang eindeutig nach Nein.
Lotta überlegte. Die Krabbe schaute sie an. Lotta schaute die Krabbe an.
Dann wedelte Lotta mit den Armen – mal so, mal so, wie die Musikanten beim Piratenfest immer die Melodie leiteten.
Die Krabbe hörte auf zu piepsen.
Lotta wedelte nochmal, diesmal langsamer, mit Schwung.
Die Krabbe ließ die Kette los.
Lotta schnappte sie, gab der Krabbe einen kleinen Knicks, und schoss nach oben.
„Sie hat getanzt!“, rief Pit, als Lotta nach Luft schnappend aus dem Wasser auftauchte. „Was war das?“
„Die Krabbe wollte Musik“, prustete Lotta.
Kurze Pause.
„…Macht Sinn“, sagte Motte.
Die Kette rasselte, der Anker kletterte hoch, und eine Stunde später tanzte die ganze Crew beim Piratenfest. Lotta tanzte als erste.
Und irgendwo tief unten im Meer – da war sie sicher – tanzte eine kleine Krabbe mit.
Zum Weitererzählen
Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.
Hast du verstanden, was passiert ist?
- Warum konnte das Schiff nicht losfahren?
- Was hat Lotta unter Wasser entdeckt?
- Wie hat Lotta es geschafft, die Kette zu befreien?
Kennst du das aus deinem Leben?
- Hast du schon mal etwas gemacht, obwohl du ein bisschen Angst hattest?
- Wann hast du das letzte Mal jemandem auf eine besondere Art geholfen?
- Gibt es etwas, das du genauso gern machst wie die Krabbe die Musik?
Was wäre, wenn …?
- Was könnte die Krabbe wohl in ihrer Muschel sammeln?
- Was würde Lotta der Krabbe beim nächsten Besuch mitbringen?




