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Junge Jonte schaut während seiner ersten Zugfahrt aus dem Fenster auf vorbeiziehende Wiesen

GESCHICHTE

Jonte fährt mit dem Zug

Gute Nacht GeschichtenGute Nacht Geschichten für 7-9 Jahre
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Der Bahnsteig roch nach warmem Stein und ein bisschen nach Brezeln. Jonte stand ganz dicht bei Mama und hielt den Riemen seines Rucksacks fest.

Um seinen Hals baumelte ein Band mit seiner Fahrkarte. „Du steigst in Lindeck aus“, sagte Mama zum dritten Mal. „Die dritte Station. Frau Brandt, die Schaffnerin, weiß Bescheid. Sie behält dich im Auge.“

„Ich weiß, Mama“, sagte Jonte. Aber sein Bauch fühlte sich an, als wären kleine Frösche darin, die alle gleichzeitig hüpften.

Mama drückte ihm etwas in die Hand. Einen Keks, eingewickelt in buntes Papier. „Ein Notfall-Keks“, flüsterte sie und zwinkerte. „Nur für ganz mutige Momente.“

Dann pfiff es, die Türen zischten, und Jonte kletterte die Stufen hinauf. Durch das Fenster winkte Mama, immer kleiner, bis der Bahnsteig verschwunden war.

Jonte fand einen Fensterplatz. Draußen flogen Wiesen vorbei, dann ein Fluss, der in der Sonne blitzte, dann eine Kuhherde, die nicht einmal aufschaute. Die Räder machten ein gleichmäßiges Tacktack, tacktack, und langsam wurden die Frösche in seinem Bauch ruhiger.

„Fahrkarten, bitte.“ Eine Frau mit kurzen grauen Haaren und einer roten Mütze kam den Gang entlang. An ihrer Tasche hing eine kleine Zange.

Jonte hielt ihr sein Band hin. Klick. Die Zange knipste ein Loch in die Karte. „Du bist also Jonte“, sagte Frau Brandt und lächelte. „Deine Mama hat mir Bescheid gegeben. Lindeck, richtig? Ich sage dir, wenn es so weit ist.“

Sie gab ihm einen Aufkleber, auf dem ein kleiner goldener Zug glänzte. „Für echte Zughelden.“ Jonte klebte ihn sofort auf seinen Rucksack.

Eine Weile später wurde das Tacktack langsamer. Dann hielt der Zug mitten auf der Strecke an. Kein Bahnhof, nur Felder. Die Lichter über den Sitzen flackerten kurz.

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Aus dem Lautsprecher knackte eine Stimme, aber sie klang verzerrt, und Jonte verstand nur „… kurzer Halt … wir bitten …“. Dann war es still.

Ein Junge auf der anderen Gangseite sprang auf. „Oh nein, wir stecken fest! Jetzt verpassen wir bestimmt alles!“ Seine Stimme zitterte.

Jontes Herz fing wieder an zu hämmern. Die Frösche waren mit einem Schlag zurück. Was, wenn das hier schon Lindeck war und ich es verpasst habe? Er griff nach seinem Rucksack und wollte aufspringen.

Doch dann hielt er inne. Mama hat gesagt: die dritte Station. Wir waren erst an einer. Statt loszurennen, holte er einmal tief Luft. Er würde nicht raten. Er würde fragen.

Jonte stand auf und ging durch den schwankenden Wagen, eine Hand immer an den Lehnen, bis er Frau Brandt fand.

„Entschuldigung“, sagte er. „Stehen wir hier richtig? Ist das schon Lindeck?“

Frau Brandt schüttelte den Kopf. „Keine Sorge, mein Großer. Vor uns fährt ein langer Güterzug, den lassen wir nur vorbei. Zwei Minuten, dann geht es weiter. Lindeck ist die nächste Station — ich hole dich ab, versprochen.“

Jonte atmete aus. Auf dem Rückweg blieb er bei dem aufgeregten Jungen stehen. „Wir warten nur kurz“, sagte er. „Ein Güterzug. Gleich fahren wir weiter.“ Der Junge nickte und ließ sich zurück in den Sitz sinken. „Oh. Gut.“

Und tatsächlich: Mit einem leisen Ruck rollte der Zug wieder an. Tacktack, tacktack. Jonte musste fast lachen. Er hatte ja recht gehabt.

„Nächster Halt: Lindeck“, sagte die Stimme, diesmal ganz klar. Frau Brandt nickte ihm vom Ende des Gangs aus zu.

Der Zug wurde langsamer. Jonte zog seinen Rucksack an, stellte sich an die Tür und hielt sich fest. Die Türen zischten auf, und er stieg hinaus auf den Bahnsteig.

Für einen Moment war da niemand. Nur der leere Bahnsteig, ein Blumenkübel und das Rauschen des Windes. Jontes Hals wurde eng.

Dann — ganz hinten — eine große Gestalt mit einem breiten Strohhut, die beide Arme in die Luft riss. „JONTE!“ Opa. Und neben ihm Oma, die ein Taschentuch schwenkte.

Jonte rannte los, der Rucksack hüpfte auf seinem Rücken, und dann sprang er Opa mitten in die Arme. Opa roch nach Sägespänen und Sonne.

„Ganz allein gefahren“, sagte Opa und drückte ihn fest. „Du bist ja ein richtiger Weltreisender.“

In Omas Küche duftete es nach frischem Apfelkuchen. Jonte kramte in seinem Rucksack und legte den bunten Keks auf den Tisch. „Den hab ich gar nicht gebraucht“, sagte er stolz.

Am Abend lag er in dem kleinen Gästebett unterm Dach. Weit draußen pfiff ein Zug in die Nacht, ganz leise. Jonte lächelte in sein Kissen. Morgen würde er Opa von dem Güterzug erzählen. Und in drei Wochen, dachte er, während seine Augen zufielen, würde er den ganzen Weg wieder zurückfahren — und diesmal blieben die Frösche bestimmt zu Hause.

Zum Weitererzählen

Nach dem Vorlesen ein bisschen über die Geschichte sprechen — das vertieft die Erfahrung und macht Spaß.

Hast du verstanden, was passiert ist?
  • Was hatte Mama Jonte für die Zugfahrt mitgegeben?
  • Warum hat der Zug mitten auf der Strecke angehalten?
  • Wen hat Jonte gefragt, als er unsicher war?
Kennst du das aus deinem Leben?
  • Bist du schon mal alleine irgendwohin gefahren? Wie war das für dich?
  • Was machst du, wenn du aufgeregt bist oder dir unsicher?
  • Wann hast du dich das letzte Mal richtig mutig gefühlt?
Was wäre, wenn …?
  • Was hätte Jonte wohl gemacht, wenn Frau Brandt nicht im Zug gewesen wäre?
  • Stell dir vor, der Zug wäre noch länger stehengeblieben. Was könnte dann passieren?

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Agnes Taron

von Agnes Taron

Mutter von Leonardo & Lynn, Mitgründerin von kinderschatzkiste.de. Nach fünf Jahren Elternzeit mit täglichem Vorlese-Alltag weiß sie, was Kinder abends wirklich brauchen.